Hunderttausend junge Leute verzichten auf bürgerliche Karrieren und arbeiten in alternativen Betrieben. DIE ZEIT untersucht in einer Serie Möglichkeiten und Grenzen der Gegenwirtschaft:

Aussteiger und Arbeitslose streben gemeinsam nach einem besseren Leben: "Ein Paradies im Hinterhof" (ZEIT Nr. 50)

Fast allen alternativen Projekten ist eines gemein, der Mangel an Kapital: "Kummer mit der Knete" (ZEIT Nr. 51)

Die wirtschaftlichen Startbedingungen sind meist schlecht. Unzureichend qualifiziert können die Alternativen kaum gegen kapitalistische Konkurrenten bestehen. Die Probleme der Projekte sind das Thema dieses abschließenden Berichts.

Viele Alternative haben einen Sechzehn-Stunden-Tag

Von Peter Christ

Der Augenschein täuscht: Mit lila Latzhosen gekleidete und hennarot gelockte Sekretärinnen auf den Chefetagen signalisieren noch nicht das Vordringen der Alternativbewegung bis in die Festungen der bürgerlichen Ökonomie. Auch Hirse, Müsli und Bio-Backwerk auf dem Eßtisch der Kleinfamilie im Neue Heimat-Wohnblock beweisen noch nicht, daß die Alternativen auf breiter Front in Wirtschaft und Gesellschaft Fuß fassen.

Latzhose, Henna und Biokost für jedermann zeigen nur, daß die bürgerlichen Modemacher vor keiner Nachahmung zurückschrecken, wenn sie Geld bringt. In der Mode ist der alte alternative Einfluß – ungewollt zwar – weit größer als in der Wirtschaft. Dort ist die Alternativbewegung noch ein gutes Stück davon entfernt, mit ihren Experimenten und Beispielen kapitalistische Firmen zum Nachahmen zu animieren. Bis es dazu kommt, müssen sich die kollektiv geführten Betriebe länger als ein paar Jahre behaupten. Und dieser Existenzkampf wird für die meisten von ihnen äußerst hart werden. Denn schon beim Start ihrer Projekte liegen die Verfechter der Gegenökonomie im Vergleich. zu bürgerlichen Newcomern eindeutig im Hintertreffen.

Vom verständlichen Willen getrieben, etwas anderes als bisher und dies auch noch anders als die anderen zu machen, wagen sich die Alternativen an Jobs heran, für die ihnen wichtige Voraussetzungen fehlen. Die in der Gegenwirtschaft ausgeprägte Verklärung der Handarbeit führt dazu, daß sich Aussteiger, die als bürgerliche Angestellte nicht mal unverletzt einen Nagel in die Wand schlagen konnten, als Schreiner, Schlosser oder Klempner versuchen.

Aus dem vom Szene-Theoretiker Joseph Huber diagnostizierten Dilettantismus der Alternativen hat Klaus Röder schon Konsequenzen gezogen: "Wenn ich einen Handwerker brauche, kommt kein Alternativer ins Haus." Das wäre nicht weiter verwunderlich, wenn Mercedesfahrer Röder nur ein bürgerlicher Verleger und Werbefilmmacher wäre. Aber Röder ist einer der Mitbegründer von Netzwerk, der Hilfsorganisation und Bank der Alternativen (vergleiche ZEIT Nr. 51), in der er nach wie vor mitarbeitet.

Einem bürgerlichen Unternehmer könnte der Stoßseufzer entfahren sein: "Es ist sehr, sehr schwer, Handwerker zu finden." Doch der, der so in das alltägliche Klagelied ganzer deutscher Industriezweige einstimmt, ist zwar gelernter Schreiner, aber nichts liegt ihm ferner, denn als Unternehmer sein Geld zu verdienen. Es ist Juppi Becher, der seit 1972 in alternativen Projekten mitmacht und zu den Initiatoren der Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk e. V. zählt, die im Berliner Stadtteil Tempelhof auf dem ehemaligen Ufa-Gelände residiert. Juppi schätzt den Anteil der Handwerker am Kollektiv von sechzig Leuten auf rund ein Drittel. Und er hätte gern mehr Leute in der Kommune, die es gelernt haben, Brot zu backen, eine Wand hochzuziehen, ein Auto zu reparieren oder eine Wasserleitung zu verlegen.

Zum Qualitätsmangel vieler alternativer Aktivisten in den erwählten Jobs addiert sich in den allermeisten Fällen ein geradezu chronischer Kapitalmangel. Die Kollektivisten verfügen in aller Regel nicht nur über weniger Know-how als die bürgerliche Konkurrenz, sie müssen sich überdies noch mit. antiquierten Maschinen, schlechtem Werkzeug in miserablen Werkstätten im dritten Hinterhof abplagen – jeden engagierten Betriebsrat brächte das um die Nachtruhe.

Die Armut kommt da von der Poverté. Weil Maschinen, Material, Werkzeug und Know-how die Arbeitsproduktivität vieler alternativer Betriebe auf ein Niveau drücken, das keine auskömmlichen Einkommen bei normaler Arbeitszeit abwirft, gibt es für viele handwerklich oder in Kleinbetrieben tätige Aussteiger nur einen Ausweg: Mehrarbeit. Ist es nach alternativer Lesart im kapitalistischen Betrieb der Unternehmer, der die Arbeiter ausbeutet, so tun dies im unterkapitalisierten Kollektiv die Arbeiter selbst. Zufriedener macht es sie kaum. Selbstausbeutung gehört denn auch zu den umstrittensten und drängensten Problemen der Gegenwirtschaft. Welche Groteske diese Selbstausbeutung annehmen kann, zeigt das Beispiel der "Ottenser Manufactur für Papierzerstörung und Papierveredelung en gros & en detail von 1981". Die vier Mitglieder der Manufactur schuften für den jämmerlichen Stundenlohn von 63 Pfennig. Ein Facharbeiter in der Industrie verdient das zwanzig- bis dreißigfache.

Zwar besser als die Papierzerstörer und -veredler, aber nicht gut verdient die "Sozialistische Selbsthilfe Köln SSK". Kohlehandel und Entrümpelungen bringen jedem Mitglied 55 Mark pro Woche, Wohnen und Essen frei Die Abrechnung einer Woche weist Einnahmen von 3707 Mark aus. Ausgegeben wurden 2386 Mark – 1340 Mark für Taschengeld, nur 275 Mark für Lebensmittel, von denen sich 26 Leute ernähren. Aus dem Überschuß von 1320,99 Mark bezahlt die SSK Miete, Strom, Wasser und die Autoversicherung.

Beide Gruppen sind eher Regel als Ausnahme, Nur wenige glückliche Kollektive haben schon die 35-Stunden-Woche, das Fernziel bürgerlicher Gewerkschaften, erreicht. Zu ihnen zählt die Kommune auf dem Ufa-Gelände in Berlin. Doch deren Einnahmen fließen nur zum Teil aus handwerklicher Arbeit. Geld bringen außerdem noch ein Café, der Fabrik-Circus und Konzerte.

Die meisten Alternativprojekte strafen das bürgerliche Vorurteil von den müßiggängerischen Aussteigern Lügen. Sie leben trotz immensen Arbeitsaufwandes am Subsistenzminimum. Dabei sollte die Alternativbewegung nicht zur Veranstaltung für Workaholics denaturieren. Einigen der selbstgesetzten Ziele jedenfalls läuft diese Schinderei zuwider.

Wer zwölf Stunden und länger schuftet, wird schwerlich die Trennung von Arbeit und übrigem Leben aufheben, weil die Arbeit für nichts anderes mehr Zeit läßt. Und nach der Marathon-Maloche dürfte auch der Antrieb fehlen, politische oder künstlerische Aktivitäten zu entfalten, für die alternatives Arbeiten eigentlich mehr Raum und Zeit lassen sollte.

Zwar wird von Kollektivisten immer wieder mit dem Argument gegengehalten, daß man im Projekt schließlich etwas Sinnvolles, gesellschaftlich Wertvolles, Ganzheitliches tue, das keineswegs mit stupider Arbeit im gewinnorientierten Unternehmen verglichen werden könne. Doch wer empfindet alles dies bis zur letzten Viertelstunde einer Doppelschicht. Die Arbeit an einer zischenden und rumpelnden Druckmaschine wird nicht wesentlich erträglicher, wenn ökologische Traktate statt des Bayernkuriers dabei entstehen. Für die Alternativbewegung wird die mangelhafte berufliche Qualifikation vieler Mitglieder, die schlechte Kapitalausstattung und der daraus resultierende Zwang zu exzessivem Arbeitseinsatz irgendwann zur Existenzfrage. Der Elan der Aktiven wird verfliegen, ihr Idealismus und ihre Solidarität zerbrechen, wenn es nicht gelingt, vernünftige Löhne zu erwirtschaften.

Dem stehen allerdings alternative Prinzipien und Ziele entgegen, die zum Teil aus den Erfahrungen mit professionellen, auf Profit getrimmten Unternehmen der bürgerlichen Wirtschaft resultieren. So lehnen es fast alle Projekte ab, ihre Mitglieder zu Spezialisten für einzelne Arbeitsabläufe zu drillen. Betriebswirtschaftlich effizientes Spezialistentum ist ihnen ein Greuel, weil damit die Gefahr einhergeht, Arbeitsprozesse in immer kleinere, schließlich nicht mehr erkennbar zusammenhängende Teile zu zerhacken. Stupide, sich wiederholende Handgriffe wären die unausbleibliche Folge. Dem begegnen die Alternativen mit ihrer Version der Job-Rotation: Jeder kann alles, jeder macht alles.

Sie gehen dabei wesentlich weiter als viele bürgerliche Betriebe, die mittlerweile auch begriffen haben, daß Abwechslung am Arbeitsplatz trotz damit verbundener Anlernzeiten größere Arbeitszufriedenheit und damit letztlich bessere Arbeitsergebnisse schafft. Im Kollektiv ist es durchaus an der Tagesordnung, daß jemand montags am Kleincomputer die Lohnabrechnung besorgt, mittwochs Teile für einen Fahrradanhänger fräst und freitags für den Verkauf der eigenen Produktion zuständig ist.

In allen drei Disziplinen sind ihm die Spezialisten der bürgerlichen Konkurrenz – so es sie gibt – zwangsläufig überlegen. Selbst bei größerem Talent bleibt er Dilettant.

Aber es sind nicht nur die schlechteren Startbedingungen, wie die unzureichende Kapitalausstattung, die unangemessene Qualifikation und der mit Bedacht gepflegte Dilettantismus, die das alternative Wirtschaften oft mühselig geraten lassen. Besseren ökonomischen Resultaten, die zwar nicht Selbstzweck für die Alternativen sind, letztlich aber der Existenzerhaltung dienen, stehen mitunter auch einige Spielregeln der Gegenwirtschaft entgegen:

  • Chefs und Hierarchien sind veraltet, Alle Mitarbeiter im Kollektiv verwalten den Betrieb selbst. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen.
  • Gleicher Lohn für alle, sofern überhaupt Lohn ausgezahlt wird. Sonst nimmt sich jeder aus der Betriebskasse, was er braucht.
  • Kein privates Eigentum an Produktionsmitteln. Das Betriebsvermögen gehört dem Kollektiv.
  • Konkurrenz unter Kollegen und zu anderen alternativen Betrieben findet nicht statt.
  • Nur von den Alternativen als nützlich angesehene, ökologisch saubere Produkte werden hergestellt.

Zwar gibt es einige aufgeschlossene Unternehmer, die Hierarchien aufweichen und Entscheidungen erst nach langen Diskussionen mit den Betroffenen fällen, aber bei konservativen Managern gelten diese Spielregeln eher als Anleitung zum schnellstmöglichen Erreichen der Pleite. Doch es gibt Kollektive, die sich peinlich genau daran halten und Erfolg haben, wie das Beispiel des Berliner Ingenieurkollektivs "Wuseltronick" beweist.

Im 1977 gegründeten Kollektiv arbeiten mittlerweile vier Ingenieure und eine Ingenieurstudentin. Sie entwickeln und produzieren elektronische Meßgeräte, schreiben Gutachten und haben den Prototypen einer Windmühle vollendet. Keiner der vier "fertigen" Ingenieure brauchte das Kollektiv als Rettungsanker, weil er sonst ohne Job auf der Straße gestanden hätte – im Gegenteil, Julius nahm Abschied von seiner gesicherten Laufbahn als Beamter an der Uni, wo er in der Elektrotechnik forschte. Hansi und Matze, ebenfalls Elektrotechniker, stiegen aus laufenden Verträgen als Universitätsassistenten aus; Reiner, Ingenieur für Flugzeugbau, verließ das Forschungslabor in der Industrie, und Brigitte wird nach ihrem Examen keinem gut dotierten Industriejob hinterherhecheln.

An der Uni und in der Industrie wurden den Wuseltronickern die Forschungsinhalte vorgegeben. "Irgendwann kommt dann ein Vorgesetzter und sagt, das ist prima, was Sie da machen, das vermarkten wir jetzt", erzählt Reiner. "Jetzt können wir entscheiden, was mit unserer Forschung geschieht. Wir bestimmen Forschungsobjekt und -anwendung", ergänzt Julius. Das Kollektiv wollte weg von der "perversen Verwendung von Forschungsergebnissen".

Die ökonomische Zielsetzung des Kollektivs war es, den Lebensstandard zu halten, den alle als Studenten mit Nebenjobs hatten. Oder wie Julius es umschreibt "Null Mercedes". Dabei wäre es für die fünf kein Problem, mit dem Umsatz, der irgendwo zwischen 100 000 Mark und 150 000 Mark jährlich liegt, auch den Gewinn zu steigern. "Wir haben aber so eine bessere Lebensqualität und vermissen nicht die Möglichkeit, mehr Knete zu machen", erklärt Reiner.

Den "bewußt"! Konsum" finanziert das Ingenieur-Kollektiv aus einer gemeinsamen Kasse. Löhne gibt es nicht. Probleme entstehen dabei trotz divergierender Bedürfnisse nicht. So konnte sich Hansi seinen Kindheitstraum verwirklichen und aus der Gemeinschaftskasse einen gebrauchten Flügel kaufen. Sollte einer der Wuseltronicker eines Tages Kinder ernähren müssen, würde die Gruppe den erhöhten Finanzbedarf durch mehr Aufträge abdecken.

Wuseltronick ist ein alternativer Idealfall: Leute mit gleich hoher Qualifikation und Geisteshaltung bilden eine homogene Gruppe, die relativ problemlos Dienstleistungen und Produkte absetzen kann, von deren gesellschaftlichen und ökologischen Nutzen ihre Mitglieder überzeugt sind.

Aber Idealfälle sind selten. Typischer für die Probleme alternativer Gruppen ist das Kollektiv Bodenlegerei & Parkett in Berlin. Aus den Anfangsschwierigkeiten kam es eigentlich nie so ganz heraus. Einer der Schlüssel zu den Problemen von Bodenlegerei & Parkett war das eherne Alternativen-Gesetz vom gleichen Lohn für alle. Dabei waren die Gehälter, die man sich genehmigte, äußerst stattlich. Mit Parkettabziehen Und dem Verlegen von Fußböden kamen die zunächst vier, später fünf Kollektivisten auf je 3000 Mark netto im Monat.

Die Studenlöhne aber klafften dennoch weit auseinander. Während einige nämlich schon früh um sieben auf der Baustelle rackerten, genossen andere noch den erquickenden Schlaf und griffen erst um elf zu Schraubenzieher und Schleifmaschine. Ein Kollektivist bestand auf sechs Wochen Urlaub, die anderen kamen mit weniger aus. Die kollektive Solidarität nahm Schaden.

Die hohen Gehälter konnten überdies nur aufgebracht werden, weil an Maschinen und Material hinten und vorne gespart wurde. "Den Lack zum Versiegeln der Böden haben wir literweise gekauft", erinnert sich Karl-Heinz Hübenthal. Rücklagen wurden nicht gebildet. Die internen Auseinandersetzungen eskalierten, als Henning zum Kollektiv stieß. Mit alternativen Projekten kannte er sich aus. Vier Jahre hatte er im Szene-Betrieb AGIT-druck gearbeitet, den 1978 die Verhaftung und spätere umstrittene Verurteilung von vier Mitgliedern in die Schlagzeilen brachte. Henning gehörte zu den Verurteilten, die wegen der Verbreitung strafbarer Texte bis zu einem Jahr einsitzen mußten – ein Schlüsselerlebnis.

Seine Agit-Geschichte, wie er es nennt, versperrte ihm den Zugang in eine bürgerliche Karriere: "Mich nimmt keine Bank", schätzt er seine Lage ein.

Henning suchte, als er zum Kollektiv kam, eine berufliche Perspektive, er war Anfang dreißig und macht kein Hehl daraus, daß er Existenzangst spürte. Karl-Heinz, schon mal mit einem Maler-Kollektiv gescheitert, wollte auch etwas Dauerhaftes.

Der Versuch der beiden, die Kollektivarbeit professioneller zu gestalten, mehr und bessere Maschinen anzuschaffen, den Kundenkreis zu erweitern, die Arbeitsdisziplin zu verbessern, stieß auf das Unverständnis der anderen. Die Spaltung war unvermeidlich – für Karl-Heinz, der das Gewerbe bei den Behörden auf seinen Namen angemeldet hatte, eine teure Entscheidung. Denn die drei Aussteiger ließen ihn mit 12 000 Mark Steuerschulden sitzen; Rückstellungen für das Finanzamt hatten sie stets abgelehnt.

Vor allem Henning hat viele seiner kollektiven Träume aufgegeben: "Wir dürfen die bürgerliche Ökonomie nicht von vornherein negieren. Wir müssen von ihrer Theorie lernen und sie auch ausnutzen." Heute ist es den beiden egal, ob sie das Parkett eines Linken schleifen, oder den Auftrag eines Bourgois bekommen. "Von den Linken allein können wir nicht leben", hat Henning festgestellt. Heute firmiert die Bodenlegerei als GmbH. Zu dieser Rechtsform hat den beiden ein Professor für Handelsrecht geraten. Honorar für die halbstündige Konsultation: 280 Mark. Karl-Heinz: "Einen linken Anwalt können wir uns nicht leisten, der braucht eine Woche."

Leidvolle Erfahrungen mit Kollektiven hat auch Constantin Bartning gesammelt, der 1968 zu den Gründern von AGIT-druck gehörte, 1973 dort im Streit ausschied und mit anderen den alternativen "Alternativbetrieb Oktoberdruck" auf die Beine stellte. Durch Bartnings Analyse der Gegenökonomie zieht sich wie ein roter Faden vor allem die Kritik an zwei Grundsätzen des alternativen Wirtschaftens: Am Einheitslohn und an der Ablehnung von Kontrolle der Arbeitsergebnisse, womit Leistungsdruck vermieden und Gleichheit hergestellt werden soll.

Einheitslohn bedeutet gleicher Monatslohn für alle bei nominell gleicher Arbeitszeit, unabhängig von Arbeitsergebnissen. Doch dem Leistungszwang gegenüber dem Kunden kann das Kollektiv nicht entgehen. "Der Gesamtbetrieb", so konstatiert Bartning, "hat festgelegte Leistung zu definierten Kosten zu erbringen. Nur die Aufteilung dieser Gesamtleistung auf die einzelnen Kollektivisten ist offen. Was der eine weniger arbeitet, muß der andere mehr arbeiten." Durch den Einheitslohn entsteht sehr schnell eine Kluft zwischen den inneren und den äußeren Ansprüchen an den Betrieb, und durch die fehlende Kontrolle der erbrachten Leistung besteht für das einzelne Kollektivmitglied auch keine Information über den wirtschaftlichen Erfolg oder Mißerfolg der eigenen Arbeit.

Diese Regelung wird damit unmittelbar zur Grundlage sozialer Spannungen: Einige übernehmen die Aufgabe, wirtschaftliche Verpflichtungen des Kollektivs gegen die unterschiedlichen individuellen Interessen durchzusetzen. In der Szene nennt man sie dann "alternative Geschäftsführer", ein undankbarer Job. Und auch die Abschaffung von Kontrolle erweist sich als Illusion: Anstatt klarer Kriterien ist der Anspruch "jeder tut sein Bestes" zu erfüllen. Es entsteht eine unklare moralische Kontrolle. So ist es möglich, daß "zwölf Stunden Rumrätseln weniger negativ auffällt als sechs Stunden konzentriert arbeiten und dann gehen" (Bartning). Man ärgert sich zwar über die Faulen und Schlampigen, aber nach welchen Kriterien soll man sie zur Verantwortung ziehen?

Wenn die moralische Kontrolle in kleinen Gruppen von vielleicht sechs Leuten noch irgendwie funktioniert, gibt es in größeren Betrieben schier unlösliche Konflikte. Für Bartning steht damit fest, daß "für die Entwicklung von Kollektiven gar nicht die Kapitalbeschaffung das eigentliche Hauptproblem ist, sondern die Entwicklung der inneren sozialen Strukturen."

Bei Oktoberdruck wurden inzwischen Konsequenzen gezogen. Einkommen und Arbeitszeit hängen vom Ertrag kleiner Produktionsgruppen ab, die jeweils für einen Teil der Betriebskosten verantwortlich sind.

Heinz Bollweg (in der Szene als Bolle bekannt), der bei der linken Tageszeitung arbeitet und gemeinsam mit Bartning über Reformen des kollektiven Arbeitens nachdenkt, faßt seine Erfahrungen so zusammen: "Unsere Belastbarkeit, unser Verantwortungsgefühl sind sehr verschieden – und im Alltag besteht nicht das gegenseitige Vertrauen: jeder macht so gut er kann. Diejenigen, die mehr machen, fühlen sich ausgebeutet und leiten aus ihrer Mehrarbeit Machtansprüche ab – wer weniger schafft, fühlt sich schlecht dabei, hat aber gleichzeitig zuviel Gelegenheit, seine Macken auszuleben."

Selbst wenn es den Kollektiven gelingt, die internen Probleme zu meistern, ist das Überleben damit nicht gesichert. Weil die Alternativen Teil des bürgerlichen Wirtschaftssystems sind, berühren sie dessen Konjunkturen, Krisen und politischen Veränderungen. Der Berliner Politologe Josef Huber, kritischer und aktiver Sympathisant der Szene, schätzt, daß sechzig Prozent der Alternativ-Projekte in der Hauptsache von Subventionen leben, die zur Hälfte staatliche und kirchliche Stellen zahlen; die andere Hälfte rechnet Huber den sogenannten Eigensubventionen, das heißt abgezweigten Privateinkommen, Zahlungen von Fördervereinen wie Netzwerk (siehe ZEIT Nr. 51) und Solidaritätsspenden zu.

Die öffentlichen Subventionen nehmen jetzt in der Rezession wegen der aktuellen Sparbemühungen der Bundesregierung ab. So werden die Mittel für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) der Bundesanstalt für Arbeit gekürzt und an restriktivere Bedingungen geknüpft. Für zahlreiche Kollektive ist das ein harter Schlag, weil ABM-Zuschüsse für viele Jobs wegfallen. Die verschobene Bafög-Erhöhung, die Beschränkung der Arbeitslosenunterstützung, die Kürzungen beim Wohngeld, all diese Sparmaßnahmen reißen auch Löcher in die kollektiven Kassen.

Überdies gehen auch die Erlöse und Spenden zurück, denn auch die Sympathisanten der Szene spüren die Krise der bürgerlichen Ökonomie auf dem eigenen Gehaltskonto. Die Spender und Kunden, im Jargon der Szene Ablaßlinke genannt, haben weniger Geld, um die oft überhöhten Solidaritätspreise (Motto: Linke, kauft bei Linken) der Alternativen zu bezahlen.

Gefahr aus einer ganz anderen Ecke droht dagegen florierenden Alternativbetrieben: Deren ökonomischer Erfolg lockt bürgerliche Betriebe an. Die etablierten Firmen zwängen sich zu den Kollektiven in die Marktnische und drängen sie bald ganz hinaus, weil sie kapitalstärker und effizienter sind. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis große Lebensmittelkonzerne zur Eroberung des Naturkostmarktes blasen und alternativen Bauern, Bäckern, Müllern und Läden die Butter vom Bio-Brot nehmen. Industriekonzerne und Handwerksbetriebe haben das Geschäft mit Sonnenkollektoren längst fest im Griff. Anderen Formen alternativer Energieerzeugung werden sie sich zuwenden, sobald sie Gewinne wittern – wenig Chancen für die Alternativen.

Zur gleichen Zeit bringt die miserable Konjunktur der bürgerlichen Wirtschaft der Szene Nachwuchs. Bei 1,5 Millionen Arbeitslosen gibt es Hunderttausende, die nach Arbeit und Einkommen in der Gegenwirtschaft suchen. Spielt die Krise der Alternativbewegung letztlich in die Hände? Lösen die Alternativen die Beschäftigungsprobleme der angeschlagenen kapitalistischen Wirtschaft und beweisen sie obendrein noch die Behauptung, daß man mit den Löhnen nur weit genug runtergehen müsse, um die Arbeitslosen wieder von der Straße zu holen? Für aufgeklärte Alternative ist die Antwort eindeutig: nein.

Denn die Gegenwirtschaft will alles andere sein als ein Auffangbecken für die Ausgestoßenen der bürgerlichen Ökonomie oder eine industrielle Reservearmee mit lohndrückerischer Funktion. Der alternative Theoretiker Josef Huber wehrt sich vehement dagegen, die Alternativen einfach mit der Subkultur gleichzusetzen, die man dann bequem beiseite schiebt, um die man sich irgendwann nicht mehr kümmern muß. Diese Teilung der Gesellschaft bedeute auch eine Teilung der Ökonomie in eine "Doppelwirtschaft", in einen Sektor mit guten und gut bezahlten Jobs im System und in einen "alternativen" Schlag-dich-irgendwie-durch-Sektor für die Rausgeflogenen und Draußengebliebenen, befürchtet Huber.

Tatsächlich wäre die Alternativbewegung zum Erstickungstod verurteilt, sollte sie dem Wirtschaftssystem die Sorge für Arbeitslosigkeit oder abgedrängte Randgruppen abnehmen. Alternative Begriffe wie "Eigenarbeit" oder "Selbsthilfe" würden nur noch die "unfreiwillige Lebensform eines neuen Lumpenproletariats" (Huber) kaschieren. Alternative Ziele wie die ausschließliche Herstellung "ökologisch sauberer Produkte" oder die Beseitigung des Leistungsdrucks müßten unter dem Ansturm Hunderttausender, die eher Schwarzarbeit zur Existenzsicherung als eine andere Lebens- und Arbeitsphilosophie suchen, über Bord gehen.

Wirtschaftliche Alternativprodukte werden folglich auf Dauer nur überleben, wenn auch die bürgerliche Ökonomie einigermaßen lebt. Überdies ist unerläßlich, daß die einzelnen Projekte eigene ökonomische Stabilität erreichen. Sonst werden sie zu dem, was der Politologe Christian Wend bezeichnet als "der Zoo des Kapitalismus, ein Reservat für Sensible und Utopisten ..., eine zukunftsorientierte Ideensammlung einer selbsthilfeorientierten Notgemeinschaft in den Nischen des Hauptsystems".

"Das wäre ja Akkord"

Erst in diesem Jahr haben Elsbeth, Dieter, Peter und Wolf gang ihr Projekt gegründet – und bisher vor allem Arbeit hineingesteckt. Die vier binden Bücher in einer ehemaligen Fabrik in Frankfurt. Kleine Aufträge haben sie im Sommer über Wassergehalten.

Jetzt aber steht ein Großauftrag ins Haus. Einige tausend Mark sind zu verdienen – jedoch muß das Unternehmen in wenigen Wochen durchgezogen werden. Die Maschinen dazu haben die vier – aber nicht das Personal. Erstmals will deshalb die Buchbinderei Außenstehende beschäftigen; erstmals sehen sich die Projektgründer als "Arbeitgeber" – und erstmals müssen sie sich mit dem Problem des "Lohns" herumschlagen.

Die einfachste Lösung fällt Dieter spontan ein: Wir wissen doch aus unserer Kalkulation, wieviel bei jedem Buch übrigbleibt. Da zahlen wir doch einfach jedem, der mitmachen will, pro Stück 70 Pfennig." Die Idee wird zunächst von den anderen drei beifällig aufgenommen – bis Elsbeth erschrocken feststellt: "Das können wir doch nicht machen! Das wäre ja Akkord." Ratlosigkeit breitet sich aus. Akkordarbeit verträgt sich nicht mit dem alternativen Leben. So etwas kann man deshalb auch nicht von anderen verlangen.

Wolfgang, der seinen "Beruf" vor Einstieg in die Buchbinder einfach als "Räuber" angibt, will überhaupt nichts von Lohndifferenzierung wissen: "Wir zahlen jedem das gleiche, meinetwegen fünfhundert Mark", ist sein Vorschlag.

"Das geht doch auch nicht", meint nun Dieter. Einige kommen immer nur wenige Stunden am Abend; andere klotzen dagegen den genial Tag ran. Da wäre gleicher Lohn ungerecht."

Einen Stundenlohn aber lehnt Elsbeth ab: "Wollt ihr hier etwa Stechuhren aufstellen? Wenn einer mal einen Tag keinen Bock oder Bauchschmerzen hat, darf der doch nicht gleich darunter leiden." Elsbeths Alternative: Jeder, der mitmachen will, soll vorher sagen, wie viele Stunden er Zeit hat. Danach wird er dann bezahlt.

Die endgültige Lösung des Lohnproblems in der Buchbinderei in Frankfurt sieht dann so aus: Ein Drittel des Auftragswertes wird von Anfang an als Entgelt für mithelfende Freunde kalkuliert.Die zehn Leute, die sich schließlich an dem Unternehmen beteiligen, können kommen und gehen, wann sie wollen. Auf einer großen Liste in der Arbeitshalle tragen sie ihre Arbeitsstunden ein – selbständig und unkontrolliert. Die Bezahlung richtet sich dann nach der jeweiligen Arbeitszeit.

Rund dreizehn Mark Stundenlohn erreichen die Helfer der Buchbinderei – und das Modell hat bisher geklappt: "Da schummelt keiner", versichert Dieter, denn "das sind doch sowieso alles gute Freund" von uns." dg