DIE ZEIT

Keine Hirten kommen: Frieden – nur ein Weihnachtsmärchen?

Weihnachten 1981: Immer dunkler werden die Schatten über einer friedlosen Welt. Nicht daß sich der große Krieg am Horizont abzeichnete, aber allenthalben auf dieser Erde finden mehr oder weniger offene Kriegshandlungen statt, wird geschossen, gemordet, zerstört, werden Menschen gefoltert, beiseitegeschafft, aus ihrer Heimat vertrieben: in Polen, in Afghanistan und Kampuchea, im Iran und im Nahen Osten, am Horn von Afrika und in Zentralamerika.

Schläge, Schüsse, Schutzhaft

In Polen wird geschossen, verhaftet, interniert, verhört – terrorisiert, in den dürren Worten des katholischen Klerus. Die Unterdrückungsaktionen der Obrigkeit rufen Widerstand hervor; der Widerstand fordert neue Unterdrückung heraus.

Worte der Woche

"Kann Jaruzelski nicht in kurzer Zeit nach Moskau melden, was der französische Außenminister Sebastiani nach dem polnischen Aufstand von 1831 erklärte, nämlich l’ordre règne à Varsovie, dann wird der sowjetische Eingriff kaum auf sich warten lassen.

Französische Reaktion auf Polen: Kommunisten stehen abseits

Im Rathaus von Montpellier gab Premierminister Pierre Mauroy seine erste ausführliche Erklärung zu Polen ab. Er sprach von "schwerwiegenden und besorgniserregenden" Ereignissen und ließ keinen Zweifel daran, daß seine Regierung die Entwicklung nur als Zerstörung mühsam erkämpfter Freiheiten werten könne.

Amerikanische Reaktion auf Polen: Protest in Zeitlupe

Als die "Fackel der Freiheit" (Ronald Reagan) über Polen zu erlöschen drohte, war die politische Führung der Vereinigten Staaten verstreut in alle Himmelsrichtungen: Ronald Reagan erholte sich im Camp David; sein engster Berater Edwin Meese hielt Vorträge auf Hawai; Außenminister Haig saß in Brüssel, Verteidigungsminister Weinberger in London; Sicherheitsberater Richard Allen schließlich hielt sich zwar in der Hauptstadt auf – zwangsbeurlaubt freilich, unter dem Verdacht amtlicher Unredlichkeit.

"Sind wir eine Bananenrepublik?"

So reagiert kein besonnener Politiker. So rechtfertigt sich kein Staatsmann von Format. So setzt sich nur ein Israeli zur Wehr, der sich – von allen Freunden verlassen – in die Enge getrieben fühlt: Mit dem Alten Testament in der Hand, den Holocaust-Erinnerungen im Herzen und der Oberzeugung im Kopf, notfalls allein gegen den Rest der Welt anzutreten.

FDP: Von der dritten zur vierten Partei

Alle reden von der Krise in der SPD. Über die FDP heißt es mehr beiläufig, daß auch sie ihre Schwierigkeiten habe. Ein wenig seltsam ist diese Unterscheidung schon: Die Krise der SPD mag, wenn es schlimm kommt, dazu führen, daß die Partei erheblich schrumpft, sie bleibt aber dann immer noch eine ziemlich stattliche Organisation, eine der beiden großen Parteiformationen der Bundesrepublik.

Wolfgang Ebert: Unfrohes Fest

In der Nacht vor dem Heiligen Abend hatte Herr Kruewer einen Traum, eher schon einen Alptraum: Plötzlich standen drei unheimliche Typen vor seinem Bett und deuteten drohend mit langen Fingern auf ihn.

Sparprogramm: Erfolg ohne Freude

Zum Ausklang des Jahres hat die Bonner Koalition, deutlicher als in den turbulenten fünf Monaten davor, ihren Überlebenswillen bekundet: Sie hat einige besonders unpopuläre und von den Unionsparteien im Bundesrat daher mit Einspruch belegte Teile ihres "Sparpakets" für 1982 mit satter Mehrheit durchgesetzt.

Gastarbeiter -Kinder: Der Barbarei preisgegeben

Vor einigen Wochen besuchte mich eine ältere italienische Lehrerin und bat händeringend – das ist wörtlich zu nehmen –, ich möchte mich der Not der ausländischen Kinder annehmen.

Zwischen Himmel und Hölle

Der Münchner evangelische Theologe Wolfhart Pannenberg hat jüngst mit gewichtigen Argumenten die Auffassung vertreten, daß der Prozeß der Säkularisierung, den die einst vom Christentum als einer Art Basis-Ideologie zusammengehaltenen politischen Systeme des Westens seit dem 17.

Katholische Kirche: Der schlechte Ruf des guten Hirten

Ganz unzweideutig beantwortet auch die Bibel nicht, wie der "gute Hirte" sein Leben für die Schafe einzusetzen hat – ob er sich und die Herde durch offenen Kampf aufs Spiel setzen oder ob er, nicht weniger riskant, "klug wie die Schlange" mit den Wölfen heulen soll (Johannes 10, Matthäus 10).

Italien: US-General entführt

Ausführlich kündigten die "Roten Brigaden" ihre neue "Herbstoffensive" an. Wenige Stunden bevor sie den amerikanischen General James L.

Kammertöne, Trompetensolo und finstere Komplotte

Unruhe, fast höhnisch, kam in der Unionsfraktion auf, als der Kanzler am vergangenen Freitag im Parlament vom Nebeneinander des Marxisten Honecker, des Christen Schmidt und des mecklenburgischen Landesbischofs Rathke im Dom zu Güstrow berichtete.

KSZE: Polens Schatten über Madrid

Mit dieser Frage gingen am vergangenen Wochenende die Diplomaten der 35 KSZE-Signatarstaaten erst einmal bis zum 9. Februar 1982 in die Weihnachtsferien – sichtlich erschöpft, aber in der offiziell festen Absicht, "die Arbeiten im Verlauf eines Monats mit einem ausgewogenen und substantiellen Abschlußdokument zu beenden".

Mit der Kirche über Kreuz

Nun singen sie – alle Jahre wieder – bei Predigt, Orgelklang und Kerzenschein. Wenigstens Weihnachten sind die Kirchen voll, alle bis auf den letzten Platz.

Angst vor der eigenen Botschaft

Das Klischee ist fast schon zum Fossil geworden; Spricht die evangelische Kirche mit vielen Zungen, so die katholische mit einer Stimme.

Fröhliche Weihnacht – ade

Die Worte zu Weihnachten und zum Jahreswechsel, die der Vorstand der Essener Karstadt AG den "lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern" ins Karstadt Magazin schrieb, erinnern an Durchhalteparolen: "Wir können", so formulierte Vorstandsmitglied Walter Deuss, "die vor uns liegende schwierige Phase der Anpassung an nicht mehr vorhandene Wachstumsspielräume nur mit besonderem Einsatz erfolgreich bestehen.

Bonner Kulisse

Alle Menschen sind gleich, einige aber dennoch gleicher. So haben offensichtlich die Justizminister der Länder gedacht, als sie vor ein paar Wochen das kommende Schicksal der Juristen bedachten, die sozusagen in ihrem Auftrag die juristischen Staatsprüfungen abnehmen.

Banken: Wenn Polen nicht mehr zahlt...

Für Hans Friderichs von der Dresdner Bank, Walter Seipp von der Commerzbank und Diether H. Hoffmann von der Bank für Gemeinwirtschaft war die vorweihnachtliche Zeit alles andere als besinnlich.

öffentlicher Dienst: Rechtsbruch

Der Streit um das "Sparpaket" für 1982 ist mit dem parlamentarischen Schlußgalopp vom 18. Dezember zu Ende – nur für die Beamten geht er offenbar weiter.

Schneller Brüter: Glaube fehlt

Noch ist das Schicksal des Schnellen Brüters in Kalkar nicht besiegelt. Die Bundesregierung hat nicht die Stillegung der Baustelle beschlossen.

Automarkt: Die Japaner schalten zurück

Noch im Sommer wollten es die deutschen Automanager nicht glauben: Obwohl die japanischen Konkurrenten deutliche Schwächen zeigten und ihre Verkäufe zurückgingen, warnte der damalige VW-Finanzchef Friedrich Thomée vor der drohenden Auto-Invasion aus Fernost.

Neapel sehen und zahlen

Entweder steigt die Produktivität so, wie es die Gewerkschaften zugesichert haben, oder wir müssen Anfang nächsten Jahres hart durchgreifen", so hatte der römische Minister für die Staatsbeteiligungen, Giovanni De Michelis, vor sechs Wochen gedroht.

Türkei: Die Generale meinen es ernst

Sie geben sich selbstbewußt. Wenn die Europäische Kommission die versprochenen Zahlungen an die Türkei – immerhin 600 Millionen Dollar, verteilt auf fünf Jahre – zurückhalte, so werde die türkische Regierung das Geld eben andernorts bekommen, meint der stellvertretende Premierminister Turgut Özal, der im Westen und insbesondere in Bonn hochangesehene Chefökonom der Militärregierung in Ankara.

Börsen-Report: Im Schatten von Polen

Die sich verschärfende Polen-Krise bekamen in den deutschen Börsensälen in erster Linie die Bank-Aktien zu spüren. Während in den meisten anderen Papieren sich das Angebot in erträglichen Grenzen hielt, gab es bei den Aktien der Banken eine Verkaufswelle.

Zeitraffer

Heftigen Streit gibt es zur Zeit wieder einmal über den zukünftigen Energieverbrauch. Kaum haben die Wirtschaftsforschungsinstitute den Verbrauch für 1995 auf 460 Millionen Tonnen Steinkohleneinheiten (SKE) geschätzt – 1981 wurden 390 Millionen Tonnen verbraucht –, setzt die Deutsche Shell AG ihre Hochrechnungen dagegen: Im Jahr 2000 könnten Verbraucher und Industrie in der Bundesrepublik mit nur noch 337 Millionen Tonnen SKE auskommen, der Bedarf könnte aber auch – so der Mineralölkonzern – auf 436 Millionen Tonnen steigen.

Manager und Märkte

Steigen die Verluste so hoch, daß sie vor der Öffentlichkeit nicht mehr zu verbergen sind, werden auch Vorstandssessel der Banken zu Schleudersitzen.

So was gab’s noch nie

Lichtenberg: Das Bankgeschäft ist heute viel stärker international ausgerichtet als früher, und zwar nicht nur als positive Folge des kräftig gewachsenen Welthandels, sondern auch als negative Folge der Ölpreiserhöhung, die bei vielen Importländern hohe Außenhandelsdefizite aufgerissen hat.

Konflikte – verdeckt und offen

Die Wahl eines Universitätspräsidenten ist nicht unbedingt ein Ereignis von überragender Bedeutung. Die Wahl des Physikprofessors Wulf Steinmann zum Präsidenten der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität aber hat dennoch bundesweit Aufsehen erregt; freilich nicht weil Steinmann die Wahl gewann, sondern weil ein anderer sie verlor: Nikolaus Lobkowicz, der bei der Präsidentenwahl letzte Woche überraschend und knapp unterlag, verkörperte nämlich ein Programm, war nach zehnjähriger Amtszeit fast schon ein Monument, das da stand für die "Tendenzwende", für "Mut zur Erziehung" und gegen die Verleihung einer Honorarprofessor an Jürgen Habermas.

Produktives Chaos

Schulversuch in Bochum: Warum Eltern ihre Kinder auf eine nicht anerkannte Schule schicken

Wird sie nun achtzig oder wird sie es nicht?: Marlene, ach Marlene!

Glauben Sie nicht, was man Ihnen in dieser Woche von allen Seiten einzureden versucht. Glauben Sie nicht, was Sie sicherlich überall lesen werden: Marlene Dietrich werde achtzig! Glauben Sie es nicht, lassen Sie sich nichts vormachen – nicht die Wahrheit bitte, die schon gar nicht.

Drei Ausstellungen: Architektur an der Wand

Schon ist nichts Wunderliches mehr daran, daß der Architektur ein immer anspruchsvoller werdender Nebenschauplatz gebaut wird: in den Ausstellungshallen von Museen, Kunstvereinen, Archiven und Galerien – lange, bevor sie am Frankfurter Mainufer das erste allein gehörende Museum beziehen wird.

Zeitmosaik

Er macht sich immer breiter, dieser Quark: Wenig Kunst und viel "Echtes" ... Plötzlich ist eine Sucht nach Nähe, nach Stallwärme ausgebrochen, die sämtliche Fragen der Form eben als "formal" abtut.

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