In fünfundzwanzig Kapiteln gibt Mirjam Pressler das Porträt eines jugendlichen Gewalttäters. Herbert, vierzehn Jahre alt, von seinem Vater und den Mitschülern gehänselt und verspottet (sie nennen ihn "Ratte mit Brille") tötet eine Nachbarin, die alte Frau Kronawitter, die ihm helfen wollte.

Mirjam Pressler: "Kratzer im Lack"; Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim; 134 S., 15,80 DM.

Die Autorin läßt das Leben der beiden Hauptpersonen – Herbert und Frau Kronawitter – nebeneinander herlaufen. Ersten flüchtigen Begegnungen, noch ohne Bedeutung, folgen kurze Gespräche. Am Ende steht ein Mord. Mirjam Pressler zeichnet ein Psychogramm, des jungen Täters, vielleicht etwas zu holzschnitthaft, aber immer so, daß klar wird, wo die Schuld liegt. Täter und Opfer sind eigentümlich "verwandt", ohne es zu wissen. Frau Kronawitter möchte an Herbert gutmachen, was sie am eigenen Sohn versäumte. Herbert mißversteht ihr Hilfsangebot als Drohung und ersticht sie. Die Autorin rekonstruiert, wie es dazu kommen mußte.

Herbert wurde beständig erniedrigt und gequält vom jähzornigen Vater, der ihn grundlos schlägt, seine Mütter Steht nicht zu ihrem Sohn; für seine Klassenkameraden ist er ein Schwächling und lächerlicher Feigling. Die Sexualität Erwachsener empfindet Herbert als gewalttätig und bedrohend. Seine Träume und Phantasien gehen immer wieder in diese Richtung. Ein Klappmesser, das der Vater ihm schenkt, läßt Ohnmachtsgefühle in Machtphantasien umschlagen. In seinen Träumen ist er jetzt der Held, dem keiner widersteht. Das Messer bedeutet ihm Machthaben und Kaputtmachen-Können. Besonders stark sind diese Gefühle, als Herbert merkt, daß er unerkannt den Lack parkender Autos zerkratzen kann.

Dieser Herbert ist im Grunde ein gefügiges Kind, das alles tut, was die Eltern verlangen. Da sie ihn immer wieder wegstoßen und Ablehnung signalisieren, gerät er in eine totale Krise.

Manchmal tut die Autorin des Guten zuviel. Sie psychologisiert allzu lehrbuchhaft: Die Lektüre von Sigmund Freuds "Ein Kind wird geschlagen" scheint offenbar Grundlage für allzu simple Gleichungen zu sein, die in Mirjam Presslers Roman auftauchen. Auch Herberts Selbstbetrachtungen, wenn er die eigene Situation überdenkt, muten aufgesetzt an und unterstellen ein Wissen, das wohl kaum bei einem Vierzehnjährig gen gegeben ist. Es beeindruckt trotzdem, wie die Autorin erzählend verdeutlicht, daß sich ein Kind die Maxime zu eigen macht: "Wenn man lacht, paßt man nicht auf." In dieser Bedrohung wird Herbert zum Mörder. Winfried Kaminski

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