Hamburg

Die junge Richterin Stefanie Haese hatte keine leichte Aufgabe: Sie sollte über die Grenze zwischen Kunst auf der einen Seite und Beleidigung von Staatsdienern auf der anderen entscheiden. Angeklagt war der Hamburger Lehrer Peter de Lorent, der in seinem autobiographisch geprägten Berufsverbots-Roman "Die Hexenjagd" zwei Beamte beleidigt haben soll: seinen ehemaligen Schulleiter Heinrich Langen (im Roman "Kurzmann") und den mit Berufsverbots-Prozessen befaßten Senatsjuristen Heinz Delius, der sich in der Romanfigur "Delirius" wiedererkannte.

Der Autor de Lorent schlug sich sieben Jahre lang durch das Dickicht von Anhörungen, Prozessen und Versetzungen – die Hamburger Schulbehörde warf dem aktiven Gewerkschafter vor, DKP-Mitglied zu sein und verweigerte ihm die Verbeamtung. Peter de Lorent machte aus seiner Meinung über allzu eifrige Staatsdiener keinen Hehl: Im Roman nannte er die beiden betreffenden. Beamten "dumm", "unverschämt", "willfährig", "verklemmte Persönlichkeiten", die einander bei der Bespitzelung unliebsamer Lehrer zuarbeiteten wie "Mafiosi" und sich bei all dem noch auf die "freiheitlich-demagogische" Grundordnung beriefen.

Richterin Haese hielt sich nicht bei der Frage auf, ob diese Titulierungen formal-juristisch beleidigend sind, sie interessierte die Realität, die der Dichtung zugrunde liegt. Wenn der Lehrer de Lorent tatsächlich einer Hexenjagd-ähnlichen Diffamierung ausgesetzt gewesen sei, dann hätte auch der Autor de Lorent das Recht, scharf und emotionsgeladen zu schreiben.

Mit dieser Rechtsauffassung beruft sich die Richterin auf das Bundesverfassungsgericht, das in seinem Urteil zu Klaus Manns Roman "Mephisto" festlegte: Bei der Abwägung zwischen Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht (des sich beleidigt Fühlenden) entscheiden die konkreten Umstände – ein Grundsatz, der dann allerdings im Fall "Mephisto" zuungunsten der Kunst und zugunsten der Erben von Gustaf Gründgens ausfiel.

Für das inkriminierte Buch "Die Hexenjagd" bedeutete die Untersuchung der konkreten Umstände, den Jahre zurückliegenden Streit zwischen dem Lehrer und Seinem Schulleiter und dessen Zusammenarbeit mit der Beamtenrechts-Abteilung des Senats wieder gegenwärtig werden zu lassen. Beleidigt fühlte sich auch der Vorgesetzte der beiden emsigen Beamten, Schulsenator Joist Grolle.

Doch mit dem Schulleiter Langen alias Kurzmann schickte der Senator eine traurige Gestalt an die Front zur Ehrenrettung des Beamtentums. Seine Vernehmung ergab: Hinter dem Rücken des Lehrerkollegiums lieferte der Schulleiter belastende Halbwahrheiten über den linken Lehrer an die Senatsbehörde, setzte sich über Beschlüsse der Schulkonferenz hinweg, verletzte Fürsorgepflicht und Dienstvorschriften – alles, um von de Lorent das Bild eines politisch indoktrinierenden, fachlich unqualifizierten Lehrers zu zeichnen. Für einen Streik der Schüler, der gar nicht mal stattfand, lastete Langen wider besseres Wissen dem Lehrer die Schuld an; von Flugblättern, die niemals gesehen wurden, wußte der Schulleiter, daß sie auf DKP-Maschinen gedruckt waren.