Die Referenzliste ist lang – länger als jede andere in der Branche. Denn insgesamt 25mal ist die Krupp-Koppers GmbH bisher aufgefordert worden, eine Kohlevergasungsanlage nach jenem Verfahren zu planen, das von dem Ingenieur Friedrich Totzek entwickelt wurde und unter dem Namen Koppers-Totzek bekannt ist.

Der jüngste Auftrag ist wenige Wochen alt und wurde einer eigenen Druckschrift – „In USA größte Kohlevergasungsanlage nach dem Koppers-Totzek-Verfahren“ – für würdig befunden. In der Tat ist Krupp-Koppers damit zum ersten Male in jene Größenordnungen vorgestoßen, die der Konkurrent Lurgi in Südafrika schon vorweisen kann: 10 000 Tonnen Kohle sollen täglich in einer Anlage durchgesetzt werden, die die Tennessee Valley Authority (TVA) bauen läßt.

Warum der TVA-Auftrag an das Essener Unternehmen – eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Fried. Krupp GmbH – ging, wird stolz so beschrieben: „Die Entscheidung für das Koppers-Totzek-Verfahren beruht auf der Grundlage von Verfahrensvergleichen, bei denen unabhängig voneinander drei US-amerikanische Ingenieurfirmen verschiedene, konkurrierende Kohlevergasungs- und Gasreinigungsverfahren in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht untersuchten.“

Außer Lurgi fürchten die Neu-Kruppianer – die Heinrich Koppers GmbH wurde 1974 von Krupp übernommen – niemanden. Und selbstbewußt sagt Geschäftsführer Hans Jürgen Herbst: „Alle ernsthaften Projekte der letzten Jahre sind bei Lurgi oder bei uns gelandet.“ Wobei er nicht verschweigt – warum auch? –, daß Koppers mehr Anlagen gebaut hat als Lurgi. Auf der anderen Seite ist Lurgi Hoflieferant der südafrikanischen Sasol, die gerade die dritte Vergasungsanlage baut und Lurgi damit erlaubt, zumindest im Hinblick auf den Kohlendurchsatz mit Koppers gleichzuziehen.

Die Koppers-Leute halten ihr Verfahren – wie könnte es anders sein – für überlegen, zumindest im Hinblick auf die Vielzahl der Einsatzmöglichkeiten. Lurgi arbeitet nach dem sogenannten Festbettverfahren und ist damit nach Angaben von Krupp-Koppers auf den Einsatz stückiger Kohle mit geringer Flüchtigkeit angewiesen. Der Koppers-Totzek-Prozeß ist eine Flugstromvergasung, bei der zu Staub zermahlene Kohle eingesetzt wird. Mit fortschreitender Mechanisierung des Bergbaus wird der Anteil stückiger Kohle geringer, minderwertige Kohle (Kohle mit niedrigerem Heizwert also) läßt sich besser im Flugstrom vergasen.

So könnte die Welt für die Krupp-Tochter sehr heil sein, denn Herbst sieht für die Kohlevergasung ein „enormes Potential“, zumal sie in Ländern mit billiger Kohle Heizgas zu Kosten erzeugen kann, die den Wettbewerb mit dem Öl zulassen. Die Vergasung, bisher im wesentlichen auf die Erzeugung von Chemierohstoffen beschränkt, würde sich also den nahezu unbegrenzten Wärmemarkt erschließen. Während in der Koppers-Referenzliste unter der Rubrik „Verwendung des Synthesegases“ bei den bis 1975 hereingenommenen Aufträgen nahezu ausschließlich „Ammoniaksynthese“ vermerkt wird, findet man seither auch die Vokabel „Heizgas“.

Ungetrübt ist die Freude bei Koppers aber deshalb nicht, weil es inzwischen ein Vergasungsverfahren gibt, das zumindest bei teurer Kohle dem erprobten Koppers-Totzek-Verfahren überlegen ist. Niemand weiß das besser als die Essener Techniker, denn sie haben es selbt mitentwickelt. Es handelt sich auch um eine Flugstromvergasung, sie arbeitet aber unter Druck und soll unter anderem die eingesetzte Kohle besser ausnutzen.

Diese Weiterentwicklung des Koppers-Totzek-Prozesses hat das Unternehmen gemeinsam mit der Shell International Petroleum Maatschappij betrieben; eine Versuchsanlage mit einem Tagesdurchsatz von 150 Tonnen läuft in Hamburg-Harburg. Mit Stolz haben die Partner immer verkündet, daß dies ohne Unterstützung der öffentlichen Hand über die Bühne gegangen ist. Aber der Sprung zur großtechnischen Anlage kostet doch soviel Geld, daß niemand bereit ist, auf Mittel aus dem Forschungsetat zu verzichten.

Krupp-Koppers würde wohl auch zu den Begünstigten gehören, wenn es die Ehe mit Shell noch gäbe. Aber diese wurde Mitte dieses Jahres nach siebenjähriger Dauer geschieden. Als Grund für das Auseinandergehen werden auf beiden Seiten Meinungsverschiedenheiten über die Lizenzpolitik genannt. Während aber bei Krupp-Koppers zu hören ist, die Shell sei in erster Linie an einem Einsatz des Verfahrens in eigenen Anlagen und nicht an einem Verkauf an Dritte interessiert, lautet die Shell-Version, man habe nur etwas gegen eine Lizenzvergabe in einem zu frühen Stadium gehabt.

Wie auch immer – Krupp-Koppers hat nach der Scheidung zwar das volle Know-how über das neue Verfahren, aber keine Versuchsanlage mehr. Deshalb wird ein Partner gesucht, der nicht nur die Infrastruktur für eine solche Anlage zu bieten hat, sondern auch mit dem erzeugten Gas etwas anfangen kann. Aber obwohl Geschäftsführer Herbst versichert, die Zahl der potentiellen Partner sei unbegrenzt und obwohl sich – als man noch an Shell gebunden war – die Interessenten gedrängt haben sollen, ist noch keine Kooperation zustande gekommen.

Aber die Zeit drängt. Denn wenn Krupp-Koppers öffentliche Mittel für Bau und Betrieb einer Demonstrationsanlage kassieren will, dann müssen die Unterlagen bald in Bonn präsentiert werden. Zwar ist das Antragsverfahren noch einmal neu eröffnet worden, aber die Konkurrenten um die ohnehin spärlicher fließenden Forschungsmittel haben ihre Projekte schon auf den Tisch gelegt.

Das hat im übrigen auch das Essener Unternehmen getan, dabei allerdings eine Entwicklung verfolgt, die nun in Bonn als nicht mehr opportun gilt: Gemeinsam mit der BP wollte man in Brunsbüttel auf der Basis von Importkohle Synthesegas erzeugen. Dies allerdings nach dem alten Koppers-Totzek-Verfahren. Das wäre unter energiepolitischen Gesichtspunkten – weg vom Opec-Öl – durchaus förderungswürdig gewesen. Aber das zählt heute nicht mehr, weil jetzt die Industriepolitik im Vordergrund steht – bekannte Verfahren haben keine Chance.

Doch auch bei der neuen Technologie warte man im Bundesforschungsministerium nicht gerade auf Krupp-Koppers. Auf die Frage, ob denn das Unternehmen gemeinsam mit einem Partner noch an Geld kommen könne, gibt es eine typische Radio-Eriwan-Antwort: Im Prinzip ja, aber eigentlich habe man genug Verfahren auf dem Tisch. In der Tat sind von ursprünglich 14 Projekten wohl noch vier im Rennen, darunter zwei Hochdruckverfahren mit ausländischem Einfluß.

Wer von Bonn den Zuschlag erhält, der darf sich auf einen Investitionszuschuß von 40 oder 50 Prozent freuen. Darüber hinaus wird der Preis für deutsche Kohle – wenn die eingesetzt wird – auf den Preis für Importkohle herabgeschleust, höchstens allerdings um 60 Mark je Tonne. Ohne diese Hilfe kann es sich kaum jemand leisten, in der Bundesrepublik eine große Vergasungsanlage zu bauen. Schon so werde es jeder schwer haben, sein eingesetztes Kapital zu verzinsen, meint Herbst.

Für ihn bricht im übrigen die Welt nicht zusammen, wenn es für Krupp-Koppers kein Geld aus Bonn gibt. Zwar verhehlt er nicht, daß sein Unternehmen die Demonstrationsanlage am liebsten in der Bundesrepublik bauen würde, er hält aber auch schon die Alternative parat: „Dann gehen wir ins Ausland, dahin, wo die Kohle unvergleichlich billiger ist.“ Heinz-Günter Kemmer