Mitte des 19. Jahrhunderts, als "Madame Bovary" vor Gericht stand und der Staatsanwalt dem Autor Flaubert "Verstoß gegen die öffentliche Moral, die guten Sitten und die Religion" vorwarf, wurde auch Baudelaires Gedichtband "Les Fleurs du Mal" der Prozeß gemacht. Wovon man nicht sprach, darüber sollte auch nicht geschrieben werden. Die Prüderie des Bürgertums bestimmte die Grenzen der Literatur. Die Grenzen der Scham und die gesellschaftlichen Tabus sollten nicht überschritten werden.

Also gab es auch im 20. Jahrhundert weiterhin spektakuläre Prozesse gegen die Literatur; gegen Joyces "Ulysses" (1933), gegen Genets "Notre-Dame-des-Fleurs" (1972). Im November 1922 kam in Berlin Schnitzlers "Reigen" vor Gericht. Sechs Tage dauerte die Verhandlung gegen die Direktion und die Darsteller des Kleinen Schauspielhauses Berlin, wo im Dezember des Vorjahres die Uraufführung stattgefunden hatte.

Nach Schnitzlers eigenem Wunsch durfte der "Reigen" seither nicht mehr gespielt werden. Sein Sohn hat dieses Verbot zum 1. Januar 1982 aufgehoben. Gleich am Neujahrstag hatte der "Reigen" in Basel, München, Manchester und London Premiere.

*

Der blaue Vorhang des Münchner Cuvillies-Theaters öffnet sich langsam. In der Proszeniumsloge spielt ein Pianist, von einer Cellistin begleitet, einen Walzer von Oscar Straus, "La Ronde". Auf der Bühne dreht ein Karussell die Schauplätze eines Theaterstücks vorbei: ein Donauufer, einen Salon, ein Schlafzimmer, ein Chambre separe. Das Karussell ist farbig angeleuchtet und mit einer bunten Lichterkette dekoriert. Immer wenn es stoppt, sehen die Zuschauer ein neues Bühnenbild. Zehnmal dreht es sich, zehnmal stoppt es, zehn Paare zeigt es: zehn Verhältnisse, in denen immer ein Partner gegen einen neuen ausgetauscht wird. Das Karussell ist ein Liebeskarussell. Es dreht sich für alle: für die Dirne und den Soldaten, für Dichter, Schauspieler und Grafen. Für seine Erfinder, den Intendanten des Bayerischen Staatsschauspiels Kurt Meisel (der an diesem Abend Regie führt) und seinen Bühnenbildner Jürgen Kötter, geht von dieser Theatermaschine ein sentimentaler Zauber aus.

Den Zuschauern bietet sie außerdem einen Reigen schauspielerischer und erotischer Attraktionen. Die Schauspielerin Ursula Lingen verführt mit einer kaum zu überbietenden Schamlosigkeit einen befreundeten Grafen: unter der Decke ihres Bettes streckt sie ein Bein heraus. Hans Brenner, der den Grafen spielt, läßt ihn heiser sein und an Arthritis leiden und zeigt mit einer wiederum nicht zu überbietenden Schamlosigkeit Frau Lingen sein nacktes Hinterteil. Auch Walter Schmidinger, der einen Dichter spielt, ist von Ursula Lingens Frivolität begeistert und springt mit einem vom Publikum mit Beifall belohnten Satz (und einer nicht zu überbietenden Schamlosigkeit) zu Frau Lingen ins Bett. Und so dreht sich das Karussell, in buntes Licht getaucht, zu Musik von Oscar Straus zu immer neuen Liebesabenteuern.

Kurt Meisel, der an diesem Abend auch als Schauspieler das Karussell betrat, versuchte selbst als Regisseur eine Figur von Schnitzler zu spielen: Anatol. Aber gerade der sentimentale Stimmungsmacher, der melancholische Playboy, der seine Promiskuität als schönen Leichtsinn verkauft, fehlt in Schnitzlers "Reigen". Es geht nur noch um die Mechanik der Amouren – um die Promiskuität. "Der Reigen", schrieb Schnitzler 1921 in einem Brief an die Schauspielerin Tilla Durieux, könnte auch "Der einsame Weg" heißen. Aus den Liebesabenteuern Anatols wird im "Reigen" eine Farce, fast eine Tragikomödie. Nicht mehr bleibt vom Playboy im "Reigen" als ein Onanist, weil er sich bei stets wechselnden Partnern für keinen Partner interessiert.