Nichts lag den Amerikanern ferner als die Aufteilung Europas in Interessensphären. Sie widersetzten sich diesem Gedanken um so mehr, als im Herbst 1944 sowohl die Briten als auch die Franzosen bei ihren Verhandlungen mit den Russen zur traditionellen Gleichgewichtspolitik zurückgekehrt waren. Als die sowjetischen Armeen in diesem Herbst über die Balkanhalbinsel hinwegfluteten und dort die britischen (und amerikanischen) Investitionen – etwa die Ölraffinerien in Ploesti – bedrohten, entschied sich Churchill für eine praktische Abgrenzung und fand damit das Gefallen Stalins, der ähnlich pragmatisch dachte. Auf einem Zettel entwarf Churchill, während eines Besuchs im Kreml, folgende Geschäftsaufteilung: Griechenland zu 90 Prozent an den Westen und zu zehn Prozent an die Sowjetunion, Jugoslawien und Ungarn je halbe-halbe, Bulgarien zu 75 und Rumänien zu 90 Prozent an die Sowjets.

Stalin hielt sich korrekt an diesen Schacher mit Prozenten und sah deshalb auch tatenlos zu, wie die kommunistischen Aufständischen in Griechenland Ende 1944 von britischen Geschützen niederkartätscht wurden. Bloß konnte er es sich in Jalta nicht verkneifen, auf die Verhältnisse in Griechenland anzuspielen, als sich Churchill wieder einmal für die Polen ins Zeug legte. "Ich habe nicht die Absicht", sagte Stalin mit kaum verhüllter Ironie, "die britischen Aktionen in Griechenland zu kritisieren oder mich in Griechenland einzumischen. Ich möchte lediglich gern wissen, was da vor sich geht."

Wie ernst Stalin die ausgehandelte Balance auf dem Balkan nahm, zeigte sich denn auch in Rumänien, das die Rote Armee besetzt hatte. Die Tinte unter dem Hauptdokument von Jalta, das überall im befreiten Europa freie Wahlen vorsah, war kaum trocken, da erzwang Moskau in Bukarest die Einsetzung einer prosowjetischen Regierung. Als sich der rumänische König Michael auf die Deklaration der Großen Drei berief, schrie ihn der sowjetische Emissär Wyschinskij an: "Jalta? Was heißt Jalta? Jalta, das bin ich!" Dann warf er hinter sich die Tür zum Audienzzimmer so kräftig ins Schloß, daß sie aus den Angeln fiel.

Auch General de Gaulle hat – während seines Moskau-Besuchs im Dezember 1944 – die sowjetische Vorherrschaft über Bulgarien und die ehedem französischen Klienten-Staaten Ungarn und Rumänien widerspruchslos hingenommen; die Anerkennung ihres Satellitenstatus war ihm der Beistandspakt wert, den er mit Stalin schloß, um mit derlei Papier-Arbeit Frankreichs Großmachtrolle bestätigt zu beikommen. Was de Gaulle damals Stalin versprochen hatte, erwartete dieser nun in Jalta auch von den anderen Westmächten: Sie sollten die Exil-Polen und deren Anhänger im Lande überreden, die "Westverschiebung" ihrer Grenzen an Oder und Neiße zu akzeptieren und sich zur ewigen Freundschaft mit der Sowjetunion zu verpflichten.

Amerikaner und Engländer waren jedoch entschlossen, die Lubliner Regierung nicht anzuerkennen. So kam denn der Kompromiß von Jalta zustande: Stalin stimmte zu, daß in die von ihm bestallte Regierung auch ein paar Vertreter der polnischen Exilgruppen im westlichen Ausland aufgenommen wurden. Diese, wie der Westen meinte, "neue", nach sowjetischer Meinung aber lediglich erweiterte Regierung sollte alsbald freie Wahlen ausschreiben. Das erhoffte Kontrollrecht wurde indes den westlichen Botschaftern in Warschau verwehrt.

Der amerikanische Diplomat George Kennan, damals an der Botschaft in Moskau tätig, hatte vergebens dafür plädiert, in Polen aufs Ganze zu gehen: Der Westen sollte Stalin vor die Wahl stellen, entweder wirklich unabhängige Staaten in Osteuropa zuzulassen oder aber für den Rest des Krieges auf die materielle Hilfe des Westens zu verzichten. Die Polen-Erklärung von Jalta taugte nicht als Hebel, sie war – so Kennan – "bloß noch der Versuch, die Stalltür zu verriegeln, nachdem das Pferd schon gestohlen war".

Die Konfrontation mit Moskau riskierte der Westen erst, als Deutschland und Japan kapituliert hatten. In Jalta fühlten sich Roosevelt und Churchill geradezu von einer Bürde befreit; die Exilpolen gingen ihnen mit ihrem Starrsinn noch mehr auf die Nerven als de Gaulle. Stalins vage Zusage, das Selbstbestimmungsrecht der Polen zu achten, genügte ihnen, die Londoner Exilregierung fallen zu lassen. Stalin meine es gut "mit der Welt und mit Polen", versicherte Churchill seinem Kabinett nach der Rückkehr von der Krim. Ein paar Wochen später war seine Zuversicht dahin. Denn bei den Botschaftergesprächen in Moskau versteifte sich der sowjetische Außenminister Molotow kleinkrämerisch auf die Buchstaben der Jalta-Erklärung – Kern der polnischen Regierung blieb für ihn das Lubliner Komitee unter kommunistischer Dominanz.