Darf man das Geld annehmen von denen, die man bekämpft Brechtische List sagt ja – um sie weiter bekämpfen zu können. Der Widerspruch des Künstlers im Zeitalter des Geldes: Thomas Brasch wird ihn, das weiß er, nicht abschaffen können. Er hat aber darüber nachgedacht, als die Situation dies erforderte. Die Situation: für seinen ersten Film, „Engel aus Eisen“, wurde er von der Jury des Bayerischen Filmpreises (der u. a. Ruth Leuwerick, Rudolf Noelte, Herbert Asmodi, Maximilian von Andrényi, Eckardt Schmidt und Jost Vacano angehören) mit einem der insgesamt vier Preise ausgezeichnet. Sein Nachdenken, das heißt: seine Rede über diesen Widerspruch provozierte Widerspruch – wenn man Buh-Rufe als solchen bezeichnen will. Einige waren auch artikulationsfähiger: dumpf schrien sie „Heimkehren!“ – in die DDR, meinten sie, die Thomas Brasch vor ein paar Jahren verlassen hat, an der er aber trotzdem ein gutes Haar ließ: dankte er doch der Filmhochschule dieses Landes für seine Ausbildung. Da wären denen, die da schrieen, gar keine Ausbildung schon lieber.

Der Umstand, daß ich diesen Preis aus den Händen des bayerischen Ministerpräsidenten, dessen politische Haltung der meinen genau entgegengesetzt ist, annehme, hat unter meinen Freunden zu Auseinandersetzungen geführt. Ich möchte hier erklären, warum ich die Annahme oder Ablehnung dieses oder eines anderen Preises für ein sekundäres Problem halte, hinter dem ein wichtigeres zutage tritt.

Unter den Widersprüchen, die unsere Zeit taumeln läßt zwischen Waffenstillstand und Krieg, zwischen dem Zerfall der Ordnung, die Staat heißt und ihrem wütenden Überlebenskampf, zwischen dem Alten, das tot ist, aber mächtig, und dem Neuen, das lebensnotwendig ist, aber nicht in Aussicht, scheint der Widerspruch, in dem ich arbeite, ein geringer: gleichzeitig ein Denkmal zu setzen dem anarchischen Anspruch auf eigene Geschichte und dies zu tun mit dem Wohlwollen derer, die eben diesen Versuch unmöglich machen wollen und müssen, der Herrschenden nämlich. Obwohl, wie gesagt, nicht der wichtigste Widerspruch, ist er doch für den, der ihm ausgesetzt ist, der mit dem Geld des Staates arbeitet und den Staat angreift, der den subversiven Außenseiter zum Gegenstand seiner Arbeit macht und sich selbst zur gleichen Zeit zu einem Komplizen der Macht, ein entscheidender.

Er ist der Widerspruch der Künstler im Zeitalter des Geldes schlechthin, und er ist nur scheinbar zu lösen: mit dem Rückzug in eine privatisierende Kunstproduktion oder mit der Übernahme der Ideologie der Macht. Beides sind keine wirklichen Lösungen, denn sie gehen dem Widerspruch aus dem Weg und die Widersprüche sind die Hoffnungen. Erst sie ermöglichen den Bruch, der durch die Gesellschaft der Leistungen und der staatlichen Macht geht und durch jedes einzelne ihrer Glieder, in seiner ganzen Größe zu erkennen. Diese Gesellschaft hat sie geschaffen, hat die Künste in die Zerreißprobe zwischen Korruption und Talent geschleift, und nicht die Künste werden diesen Widerspruch abschaffen, sie können sich ihm nur aussetzen, um ihn besser zu beschreiben, sondern alle Kräfte, die zur Abschaffung der gegenwärtigen Zustände beitragen, die keine menschenwürdigen sind.

Davon handelt mein Film, auch wenn er von Kriminellen handelt, aber die Kriminalität ist der urwüchsigste Ausdruck der Auflehnung. Ich nehme diesen Preis als Ausdruck des Widerspruchs entgegen, den ich am Anfang erwähnte. Meine Arbeit wird weiter darauf gerichtet sein, den Widerspruch auszuhalten und zu verschärfen, auch mit dem Film, an dem ich zur Zeit arbeite und für dessen Finanzierung ich die 50 000 Mark, die ich hier bekomme, brauche. Ich danke der Filmhochschule der DDR für meine Ausbildung, ich danke der Jury des Bayerischen Filmpreises für die Auszeichnung, ich danke allen, die meinen ersten Film ermöglicht und mit mir zusammengearbeitet haben, Schauspielern, Ausstattern, Kameramann und allen anderen; ich danke den Helden meines Films, den beiden toten Kriminellen Gladow und Völpel für ihr Beispiel.