Von Rolf Michaelis

Für den Tanz hatte er „nicht viel übrig“, der traditionsbewußte Revolutionär der modernen Musik, Arnold Schönberg (1874-1951). Im „landesüblichen Ballettgehüpfe“ konnte er nicht viel mehr sehen als „versteinerte Mechanik“.

Doch obwohl er von der „fast absoluten Abwendung meiner Musik vom Tanzrhythmus“ überzeugt war, merkte er auf, als der Stuttgarter Ballettmeister Albert Burger, der mit seinem Freund, dem Maler Oskar Schlemmer, an neuen Tanzformen arbeitete, dem späteren „Triadischen Ballett“, ihn 1912 um Musik bat. Burger und Schlemmer hatten gerade ein Gastspiel mit Schönbergs Melodrama „Pierrot Lunaire“ gesehen. Schönberg, der später für seine Oper „Moses und Aron“ genaue choreographische Anweisungen gab, antwortete seinen beiden Stuttgarter Anhängern, die zu den wenigen gehörten, die nicht schon während der Aufführung davongelaufen waren: „Wenn Sie es für möglich halten, daß meine Musik mit Ihren Ideen (einer Einheit von Tanz, Bühne, Musik) vereinbar ist, dann halte ich es auch für möglich.“

Nicht nur möglich, sondern auch berechtigt ist es deshalb, daß die Tänzerin und Choreographin Reinhild Hoffmann, die das Bremer Ballett leitet, für ihren neuen Tanzabend im Theater am Goetheplatz zwei frühe Werke aus Schönbergs nicht mehr tonal gebundener Arbeitszeit wählt: das Monodram für Sopran und Orchester „Erwartung“ (op. 17) aus dem Jahr 1909 und das Melodram für eine Sprechstimme und kleines Kammerorchester „Pierrot Lunaire“ (op. 21) von 1912. Denn für ihren Tanzabend, dessen „Konzept“ sie zusammen mit dem Bühnenbildner Johannes Schütz entwickelt hat, kann gesagt werden, was Schönberg sich selber für den „Tanz um das Goldene Kalb seiner „Moses und Aron“-Oper bescheinigt hat; „Es ist gelungen, solche Bewegungen zu erdenken, welche wenigstens ein anderes Ausdrucksgebiet betreten als das landesübliche Ballettgehüpfe.“

Wie in früheren Tanzschöpfungen („Fünf Tage, fünf Nächte“, 1979; „Hochzeit“, 1980; „Unkrautgarten“, 1980, oder in ihren Monodramen „Solo mit Sofa“, „Bretter“, „Steine“) wird die Phantasie dieser Choreographin angeregt durch das Schicksal von Frauen.

In „Erwartung“ (nach einer Dichtung von Marie Pappenheim) irrt eine Frau durch den nächtlichen Wald und sucht ihren Geliebten. Sie findet ihn am Ende, tot, vor dem Haus ihrer Rivalin und klagt: „Was soll ich allein hier tun? In diesem endlosen Leben?... Das Licht wird für alle kommen, aber ich allein in meiner Nacht.“ In Bremen singt Waltraud Isolde Elchlepp die Rolle dieser in Einsamkeit und Todes-Dunkel fallenden Frau, die gleich in dreifacher Gestalt auf der Tanzbühne erscheint. Geta Bahrmann, Jacqueline Davenport-Heilig und Helga Eggert tanzen die einzelnen Stationen dieses – wie Schönberg formuliert – „Angsttraums“, in dem „das, was sich in einer Sekunde seelischer höchster Erregung abspielt, sozusagen mit der Zeitlupe auf eine halbe Stunde ausgedehnt“ ist.

Ähnlich verfährt Reinhild Hoffmann im zweiten Stück, dem Schönberg selber einen „leichten, ironisch-satirischen Ton“ zuspricht – wie denn der Wille unverkennbar ist, beide Stücke durch Parallelen oder Kontraste der Bewegungen oder Requisiten miteinander zu verbinden: Stühle, Spiegel, Tücher, Schleier, Vorhang-Wände, die nicht bis zum Boden reichen, sondern unten einen Licht-Raum aussparen; Pieta-Figuren; Spiel mit den Symbol-Farben Weiß, Schwarz und vielen Abschattierungen von Rot; die Faszination durch die in beiden Stücken besungenen „nackten weißen Arme“, die schimmern in dem auch in beiden Dichtungen mal silbern, mal totenblaß leuchtenden „Mond“.