Nijinski), verehrtester Tanz-Gott aller Zeiten, soll noch einmal von seinem Olymp auf die Bretter herabsteigen: Rudolf Nurejew fühlt sich stark genug, zusammen mit dem Ensemble des Ballet-Théâtre von Nancy im Théâtre du Châtelet, wo vor siebzig Jahren Serge de Dhiaghilew das blasierte mondäne und künstlerische "Tout Paris" zu einem Ereignis einlud, das die seit Jahrzehnten erstarrten Maßstäbe des zum frivolen Vergnügen heruntergekommenen Balletts über den Haufen zu werfen und ihm so zum Aufstieg in die Kategorie der großen Kunst verhelfen sollte.

1982 nimmt das Théâtre Musical de Paris in seiner Huldigung an diese phänomenale Geburt einer neuen Kunst vier der berühmtesten Ballette wieder auf: "Le Spectre de la Rose", "L’Après-midi d’un Faune", "Petruschka", die in den Jahren 1911 und 1912 entstandenen Höhepunkte der ersten Glanzzeit der Balletts Russes und zugleich die wichtigsten tänzerischen und "La Boutique Fantasque", 1919 einer der ersten Höhepunkte dieser Zeit der engen Zusammenarbeit Diaghilews mit dem Choreographen Leonid Massine.

"La Boutique Fantasque" führt uns in die Märchenwelt der Ballets Russes, Traum und Spuk und Zauber bevölkern auch die folgenden Stücke. Die mühsame Rekonstruktion der Bühnenbilder, nach Originalentwürfen von André Derain für "La Boutique Fantasque", von Léon Bakst für "Le Spectre de la Rose" und "L’Après-midi d’un Faune" und von Alexandre Benois für "Petruschka", setzte ein langes Recherchieren der ursprünglichen Materialien voraus, um die naive Welt aus buntbemalter Pappe, Holz und bedruckten Stoffen neu erstehen zu lassen, die manchmal so sehr an die unschuldige Ursprünglichkeit der Bilder Chagalls erinnert.

Bei der Choreographie war absolute Genauigkeit unerläßlich Wie jedermann weiß, wird die große Tradition der Ballets Russes in London von einigen der letzten Überlebenden dieser Zeit wie ein Schatz gehütet, die als Choreologen und geistige Erben wie Lorca 6Massine, Irina Nijinska und Serge Golovine "Schritte und Stile" an die Tänzer des Ballet-Théâtre von Nancy weitergaben. Die Tänzer, die diese Ballette der vergangenen Epoche nie im Original gesehen haben, mußten den tieferen Sinn des Universums der Ballets Russes erst begreifen lernen. Das gilt auch für die geladenen internationalen Stars Dominique Khalfouni, Evelyne de Sutter und Eva Evdokimova.

Rudolf Nurejew bildet eine Ausnahme. In ihm schließt sich der Kreis zu den Ballets Russes. Wie Nijinskij aus der gleichen traditionsbewußten Schule des Kirov-Balletts (in den Anfängen Nijinskijs hieß es noch Maryinski) stammend, bekam er den spezifisch russischen Geist der Schöpfung Diaghilews vermittelt, der ihr trotz aller Entfremdung und Abkehr vom Ursprungsland zugrunde liegt. Und es wäre nicht übertrieben zu sagen, daß Nurejew auf Grund der Gemeinsamkeiten in ihrem Lebenslauf der einzige ist, der das Wagnis des Vergleichs eingehen kann, diesen Kampf mit einem Schatten, dem er gefolgt ist und der ihn verfolgt hat.

Im jungfräulichen Gemach schlummert das erschöpft vom Ballett heimgekehrte junge Mädchen ein, betört von der letzten Rose in ihrer Hand. Plötzlich steht es im Fenster: das purpurne, phantastische, von Rosenblättern bedeckte Wesen ihres Traums. Entrückt wird sie sich gleich mit ihm im Dreivierteltakt zu Webers "Aufforderung zum Tanz" drehen, bis der Morgen graut, ein letzter Kuß, bevor der Spuk in den dämmernden Garten entfliegt ... Dieser letzte Sprung in "Le Spectre de la Rose" ist für alle Zeiten mit der Person Nijinskijs verbunden. Er war die Vollendung seiner Kunst und kostete seinen Körper eine übermenschliche Kraftanstrengung. Eine Zeichnung von Cocteau zeigt den nach seinem Flug Halbohnmächtigen hinter den Kulissen, von besorgten Helfern umringt.

Nun stellt sich die Frage, wie sich heute diese Vergangenheit wieder ins Leben rufen läßt, inwieweit das Publikum für sie noch empfänglich ist. Rudolf Nurejew hat heute sicherlich die Popularität seines Vorgängers erreicht, er ist ganz der Star, der eines jeden Willen beugt, wenn er mit einem leisen Wort alles dirigiert. Autorität muß nicht Tyrannei heißen, wenn sie von einem Mindestmaß an Menschlichkeit begleitet wird. Nach zwanzig Jahren Karriere im Westen ist Rudolf Nurejew auf dem Gipfel seiner Kunst angelangt. In einem Interview des französischen Fernsehens gefragt, wer seiner Meinung nach zur Zeit der beste Tänzer sei, antwortete er, ohne mit der Wimper zu zucken: "Ich." Diese hohe Meinung von sich braucht er, um die Rolle des meistzitierten Tänzers aller Zeiten zu übernehmen. Er geht diese Aufgabe mit viel Demut und Ehrfurcht an, stellt seine Persönlichkeit in den Hintergrund, um das Bild Nijinskijs so intakt zu lassen wie möglich. Auf die Frage nach einem Nachfolger für ihn selber antwortete er unverblümt: "Nurejew in zehn Jahren."