Von Knut Nevermann

Dem Leser möge es erspart bleiben, eine Situation zu erleben, in der sich herausstellt: Nicht mehr lesen, die Alltagssprache nur äußerst eingeschränkt handhaben zu können, die eigenen Erfahrungen, die eigene Begriffswelt und vieles mehr in einem langen, schmerzhaften Prozeß voller Fort- und Rückschritte zurückgewinnen zu müssen. Wie kann man da noch ,Sozialist‘ oder ‚Marxist‘ sein, oder wie kann man es wieder werden? Eins trieb mich zweifellos am meisten: die Lust zu leben und wieder arbeits- und kampffähig zu werden – ohne die Langwierigkeit und Kompliziertheit der Sache wirklich zu durchschauen." Rudi Dutschke, der dies vor etwa drei Jahren schrieb, besaß eine außergewöhnliche Lebens- und Arbeitslust und vermochte Energien zu mobilisieren, die erforderlich waren, um die schweren Folgen des Attentats, das auf ihn im April 1968 verübt worden war, allmählich zu beseitigen.

"Mein Gehirn war schwer angeschossen, der restliche Körper ‚leichter‘. Aber weder das eine noch das andere war zerstört. Darum allein konnte der in die Tiefe versunkene, aber nicht wirklich beseitigte Inhalt meiner Geschichts-, Lebens-, Kampf- und Denkerfahrung wieder durch tägliche Arbeit hochgeholt und prozeßhaft rekonstruiert, neu gefestigt und schließlich weiterentwickelt werden." Neben der Solidarität seiner Frau und der pädagogischen und finanziellen Hilfe enger Freunde und Bekannter "wurde mein eigenes Interesse und Bedürfnis stark durch ein Verhältnis gefördert, das die Sprache als Vermittlung der menschlichen Beziehung noch nicht entwickelt hatte. Es war dies die Beziehung zu unserem Sohn Hosea-Ch£... In letzter Konsequenz konnte ihm niemand seinen Lernprozeß in Richtung der ersten Stufen des aufrechten Gangs abnehmen. Eines wurde mir am Werden meines Sohnes grundlegend klar: Mein Weg kann da nicht anders sein."

Dutschke lernte wieder, aufrecht zu gehen; seine Vitalität siegte, auch wenn er sich mit Belastbarkeitsgrenzen arrangieren mußte. Er schrieb eine Doktorarbeit, einen "Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen", setzte sich im Rahmen des Sozialistischen Büros Offenbach für die Gründung einer linkssozialistischen Partei ein und schloß sich später den Grünen an, um daran mitzuwirken, das Spannungsverhältnis von Ökologie Und Sozialismus "aufzuheben" (im Hegeischen Sinne). Aber diese neue Phase aktiven Engagements fand ein abruptes Ende. Im Dezember 1979 starb Rudi Dutschke an den Spätfolgen des Attentats.

Wolf Biermann, mit dem Dutschke seit vielen Jahren eng befreundet war, schrieb damals: "Mein Freund ist tot, und ich bin zu traurig,/um große Gemälde zu malen / – sanft war er, sanft, ein bißchen zu sanft / wie alle echten Radikalen." Das Leben nach dem Attentat – Rekonvaleszenz, neue Arbeit, neues Engagement – steht im Mittelpunkt des Buches:

Rudi Dutschke: "Aufrecht Gehen. Eine fragmentarische Autobiographie", hrsg. von Ulf Wolter; Verlag Olle & Wolter, Berlin 1981, 204 S., DM 24,80.

Das Buch, mit zahlreichen privaten Photos illustriert, enthält ein Vorwort von Gretchen Dutschke-Klotz, seiner Frau, in dem sie "Unser Leben" unprätentiös skizziert. Sie geht dabei auf einige biographische Einzelheiten ein, die auch in den autobiographischen Fragmenten vorkommen, und die für das Verständnis der Persönlichkeit Dutschkes nicht unwichtig sind. Das gilt für Dutschkes Engagement in der evangelischen "Jungen Gemeinde" in Luckenwalde in der DDR, wo er aufwuchs; auch in Westberlin, wohin er 1961 übersiedelte, arbeitete er anfangs aktiv in der Gemeinde Schlachtensee mit. Eigentlich wollte er – als aktiver Sportler, der sogar von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen träumte – nach dem Abitur Sportreporter werden.