Von Hermann Weber

In der neueren Marxismusdiskussion ist auch eine Reihe undogmatischer Marxisten der zwanziger Jahre wiederentdeckt worden. Das gilt insbesondere für Georg Lukacz und Karl Korsch (dessen große Werkausgabe gerade erscheint), aber auch etwa für Karl Wittfogel. Dagegen ist einer der wichtigsten unorthodoxen marxistischen Denker, Fritz Sternberg, in Vergessenheit geraten. Er dürfte heute nur noch einem kleinen Kreis von Spezialisten ein Begriff sein. Dabei gehört Sternberg zu jenen Marxisten, die im Gegensatz zu den Philosophen Lukacz oder Korsch auf dem ureigensten Gebiet des Marxismus tätig waren, nämlich der Politischen Ökonomie. Die Einseitigkeit der „Renaissance“ des Marxismus im Gefolge der Studentenrevolte wird allein schon durch dieses Mißverhältnis charakterisiert; es tritt noch drastischer zutage, wenn man berücksichtigt, daß es Sternberg ganz in der Traditionslinie von Marx auch immer auf die Analyse der Politik ankam.

Ein Sammelband könnte bewirken, daß Sternberg einer unverdienten Vergessenheit wieder entrissen wird:

Helga Grebing (Hrsg.): „Fritz Sternberg (1895–1963). Für die Zukunft des Sozialismus. Werkproben, Aufsätze, unveröffentlichte Texte, Bibliographie und biographische Daten“; Bund Verlag, Köln 1981, 593 S., 39,80 DM.

Mit Erscheinen seines Werkes „Der Imperialismus“ ist der erst dreißigjährige Sternberg 1926 berühmt geworden. Er spielte danach als Wirtschaftswissenschaftler und als politischer Theoretiker auf dem linken Flügel der deutschen Arbeiterbewegung eine Rolle. Sternberg war Kritiker sowohl der unflexiblen Sozialdemokratie als auch – und vor allem – des sowjetkommunistischen Dogmatismus.

Der Band versammelt Arbeiten Sternbergs aus 35 Jahren. Viele seiner Analysen zeigen eine erstaunliche Weitsichtigkeit; manches Problem, das er vor langer Zeit berührte, ist erst in unseren Tagen wirklich aktuell geworden. Selbst die Fehldeutungen Sternbergs lassen die methodischen Anstöße erkennen, die seine unorthodoxe und eigenwillige, aber immer authentische Marx-Interpretation zu leisten vermag. Denn für Sternberg war Marxismus eine Methode, die den empirisch zu erforschenden Tatbestand in die Analyse einordnen konnte; er sah im Marxismus keine Weltanschauung und kein Dogma.

Die Aktualität der Sternbergschen Schriften ist besonders auf zwei Gebieten deutlich ablesbar. Sternberg kann für eine immer noch ausstehende theoretische Begründung des demokratischen Sozialismus wichtige Bausteine liefern. Der demokratische Sozialismus muß sich nicht nur auf theoretische „Stammväter“ wie Bernstein oder Popper zurückziehen; über Sternberg könnte er durchaus auch seine marxistische Variante finden. Denn Sternberg hat schon früh den Gegensatz zwischen einem (auch radikal formulierten) demokratischen Sozialismus und dem diktatorischen Kommunismus herausgearbeitet.