Diesem verschlafenen Nest mag man wirklich nicht abnehmen, daß es einmal weltbekannt war. Broome war zu Beginn dieses Jahrhunderts das absolute Zentrum der Perlenindustrie. Vierhundert Perlentaucherschiffe ankerten damals vor der Stadt am Nordrand Australiens, über 3500 Menschen arbeiteten für die unermeßlich reichen "Pearlmasters". Die Dollars saßen locker, Broome taumelte durch einen Boom sondergleichen.

Bis das Plastikzeitalter begann. Die großen, dunklen Perlen waren nie das Rückgrat der Perlenindustrie, das Perlmutt war weitaus wichtiger: Eine ganze Welt wollte versorgt sein mit Knöpfen und Accessoires. Achtzig Prozent dieses Bedarfs wurden von dem Städtchen im Norden von Westaustralien gedeckt. Und dieser Weltmarkt brach nun zusammen. Die "Pearlmaster" verließen ihre großzügigen, weißen Kolonialhäuser und zogen davon, viele ihrer Arbeiter folgten ihnen. Die Häuser verfielen, die Geschichte zog, so schien es, eine Decke über Broome. Der Verfall begann mit dem Ersten Weltkrieg, er schien mit dem Zweiten Weltkrieg abgeschlossen.

Dem Städtchen blieben nur einige hundert Einwohner, eine Mixtur aus schwarzen Aboriginals, weißen Australiern und Asiaten jeder Abstammung – ein Farbmuster, das bis heute erhalten blieb und dem Broome wohl auch seinen Ruhm verdankt, mit besonders hübschen Mädchen gesegnet zu sein. "Wir haben eben schwarze Perlen, zu Lande und zu Wasser", meinte grinsend einer der Männer an der Bar des "Continental Hotels".

Mit Perlmutt war nach dem letzten Krieg zwar kaum noch Geld zu verdienen, aber wenigstens die Perlen selbst ließen sich gut verkaufen. Als die Japaner jedoch nach einigen Jahren auch diesen Markt mit ihren Zuchtperlen übernahmen, glaubten die Leute von Broome, jetzt endgültig vom Perlenglück verlassen zu sein. Das Gegenteil war der Fall: 1956 gründeten Japaner, Amerikaner und Australier eine eigene Zuchtperlenfirma. Deren "Brutstätte" wurde zwar weiter östlich an der Küste eingerichtet, aber die Muscheln, denen man das Plastikkügelchen als Kern künftiger Perlen einsetzte, sollten weiterhin aus den reichen Bänken von Broome stammen. Ein Dutzend der früheren Perlkutter wurde reaktiviert, junge, meist asiatische Taucher fanden wieder Arbeit.

Der alte Reichtum war damit natürlich nicht mehr herzuzaubern, und die traditionelle Fleischausfuhr über den kleinen Hafen machte Broome auch nicht wohlhabend. Also machten sich die verbleibenden Bürger auf, die Goldader des mobilen Jahrhunderts, den Tourismus, anzuzapfen. Was wollen Touristen? Sonne, Strand und Meer. Von all dem hat Broome mehr denn genug. Sein Cable Beach, über 22 Kilometer lang, legt davon Zeugnis ab. Es ist selten, daß man sich diesen feinsandigen Küstenstreifen mit mehr als drei oder vier Dutzend Mitmenschen teilt. Die meisten Besucher kommen auf eine Stippvisite, werfen einen andächtigen Blick auf die in Beton gegossene Spur eines Dinosauriers, der vor etwa 130 Millionen Jahren hier herantappte (der Fels mit der Originalspur ist nur bei extremer Ebbe zu sehen), dann packen sie das Badezeug aus und werfen sich in die warme, nicht allzu heftige Brandung. Lange hält es allerdings niemand aus in der sengenden Sonne der baumlosen Beach. Deshalb sind die Broomer kürzlich auf die Idee gekommen, einige Palmen anzupflanzen. In ein paar Jahren werden sie wohl für schattige Plätzchen an dem Superstrand sorgen.

Dann soll, geht es nach den Hoffnungen der lokalen Fremdenverkehrsorganisation, es vielleicht sogar ein Hotel geben an dem nicht direkt bei der Stadt gelegenen Strand. Man mag das nicht so recht glauben, zumal es noch keinerlei Versorgungseinrichtungen gibt, und man mag der erholsamen, stillen Gemeinde in der trägen Tropensonne auch keine allzu schnelle "Erschließung" wünschen. Aber andererseits ist unbestreitbar, daß der Fremdenverkehr für das Städtchen mit dem selbstherrlichen Titel "Playground of the Western World" schon etwas bewirkt hat: Eine kleine Perlenfabrik ist wieder eröffnet worden und bietet sich Touristen zur Besichtigung und zum Souvenir-Einkauf an. Fabriziert werden unter anderem auch Schmuckkästchen aus Muscheln und Perlmutt. Der Anschluß an die Neuzeit ist gelungen. K. V.,