Beachtlich

„Kesse Bienen auf der Matte“ von Robert Aldrich, dessen anbiedernd-aufreizender deutscher Verleihtitel eine Soft-Porno-Klamotte zu versprechen scheint, heißt im Original „... All the Marbles“. Wie ein Sport-Team mit allen (nicht immer fairen) Methoden den Kampf um alle Murmeln (die Ehre, den Sieg, das Geld) aufnimmt, das hatte Robert Aldrich („Die Chorknaben“) schon 1974 in „The Longest Yard/Die Kampfmaschine“ gezeigt. Diesmal geht es nicht um eine Football-Mannschaft im Gefängnis, sondern um zwei Damen-Catcherinnen, die „California Dolls“ (Vicki Frederick, Laurene Landon), und ihren Manager und Freund Harry (Peter Falk), einen gerissenen Sprücheklopfer, der auch mal zum Baseballschläger greift, wenn er seine kleinen Erfolge verteidigen muß und markige Kernsätze nichts mehr nützen. Und der Schauplatz ist nicht mehr die metaphorische Arena der Nixon-Politik, sondern der amerikanische Mittelwesten mit seinen realistisch-trostlosen Industriesiedlungen, seinen deprimierenden Motels, schäbigen Imbißstuben und schmuddeligen Garderoben, den dieses Trio von einer miesen Provinz-Arena zur anderen durchquert: hin zum „unrealistischen“ Neon-Paradies eines Engagements um den Titelkampf in der Spielerstadt Reno. Ohne Zweifel ist Damen-Catchen, wo hochgewachsene, hübsche, muskulöse Mädchen einander in eindeutig sexuell betonten Posen ächzend, schreiend und stöhnend vor grölendem Publikum auf die Matte schleudern, der reinste erotische Zirkus. Es ist auch bei Aldrich ein brutales Ballett, doch im konsequenten Verzicht auf Vulgär-Effekte kein reines voyeuristisches Vergnügen. Einprägsamer als die mitreißenden, brillant geschnittenen Kampfszenen sind jene Momente, in denen Aldrich mit bitterem Amüsement zeigt, wie dieses Team seine Resignation, den Verlust der Selbstachtung und seine aufkommenden Zweifel mit sarkastischem Witz und manchmal unbeholfenen Zärtlichkeitsgesten zu überwinden sucht. Für Aldrich ist der klapprige Cadillac Roadster dieses „road movies“ der Mikrokosmos einer Welt, in der es nur noch ums Überleben geht. Das Ende dieses gleichermaßen anrührenden und sehr unterhaltsamen Films ist märchenhaft, wenn auch von verhaltenem Zynismus. Man merkt: Der alte amerikanische Traum vom Weg nach oben, der hier noch einmal konventionell aufgegriffen scheint, ist längst zum ganz pragmatischen Kampf ums Dasein geworden. „Lache, Bajazzo!“ – das ist auch Harrys Lieblingsarie auf dem Kassettenrecorder. Helmut W. Banz

Kitschig

„Ich lieb’ Dich noch“ von Herman van Veen. Was Herman van Veen seiner Gemeinde, die besonders in Norddeutschland so zahlreich ist, bietet, eignet sich allenfalls fürs Heimkino. Vielleicht glaubt der Sänger, er könne allein durch seine Person – schließlich spielt er die Hauptrolle, spielt sich selber – die Fans in die Kinos locken. Aber die Szenen einer Ehe, die er vorführt, sind abgestanden und platt, die Großaufnahmen – Achtung: der Protagonist denkt nach! – so zahlreich, daß man nur auf Selbstverliebtheit schließen kann. Natürlich fehlen ein paar Bühnenauftritte und das frenetische Klatschen des Publikums nicht. Man verläßt das Kino, verärgert über diese glatte Inszenierung, die nichts als Langeweile verbreitet, und wird nur eines nicht vergessen: Der Showman van Veen trägt immer weiße Schuhe. Anne Frederiksen

Beachtlich

„Neonstadt“ von Gisela Weilemann, Helmer von Lützelburg, Dominik Graf, Johann Schmid, Wolfgang Büld. Die fünf Absolventen der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen erzählen fünf kleine Geschichten: Stadtgeschichten, Nachtgeschichten, Discogeschichten. Sie könnten in jeder Großstadt spielen, der bunte Neonglitzer ist überall gleich. Diese Geschichten spielen in München. Sie sind traurig, makaber und auch ein bißchen verrückt. Sie sind nie umständlich. Zwanzig Minuten für jede Episode zwingen zu einer direkten Erzählweise. Der Zuschauer ist entweder sofort mittendrin, in der Disco etwa, wo man das oberflächliche Spiel der oberflächlichen Kontakte spielt; oder er wird durch knappe, treffende Expositionen zum Thema geführt. Die junge Frau, die ein Star sein möchte und in ihrer aufgedonnerten Garderobe so herzzerreißend traurig scheitert, wird mit nur wenigen Kameraeinstellungen in ihrer armseligen Alltäglichkeit gezeigt. Und man weiß sofort, das kann nicht gutgehen, Anspruch und Wirklichkeit passen nicht zusammen. Auch bei Panther Neuss nicht, dem Jungen, der sich ins Leben flüchtet und bei seinen zufälligen Begegnungen nur Irritationen auslöst, und bei Kollmar nicht, einem kleinen Licht im Waffengeschäft. Einmal handelt er ohne Auftrag und geht dabei zugrunde. Anne Frederiksen

Empfehlenswerte Filme

„Das letzte Loch“ von Herbert Achternbusch. „Tragödie eines lächerlichen Mannes“ von Bernardo Bertolucci. „Rette sich wer kann (das Leben)“ von Jean-Luc Godard. „Scarlet Street“ von Fritz Lang. „Der Profi“ von Georges Lautner. „The Bronx“ von Daniel Petrie. „Mein Onkel ans Amerika“ von Alain Resnais. „Merry 30 round“ von Jacques Rivette, „Die Halbstarken“ von Georg Tressler. „Duell in der Sonne“ von King Vidor.