Der Selbstmord des 49jährigen Medizinaldirektors Dr. Volker Leschhorn am 11. Januar dieses Jahres hat in Berlin zu Kontroversen geführt. Leschhorn war seit Februar 1980 Leiter der Inneren Abteilung des Krankenhauses der Berliner Vollzugsanstalten. Während des Hungerstreiks von Häftlingen im Frühjahr 1981 hat er sich engagiert für die Gefangenen eingesetzt, um deren Leben zu erhalten und sie zum Abbruch des Hungerstreiks zu bewegen. Nach Darstellung der Justizverwaltung hat er dabei seine Kompetenzen überschritten. Deshalb wurde ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet. Kollegen von Volker Leschhorn bestreiten vehement, daß er sich nicht einwandfrei verhalten habe. Er sei vielmehr von der Behörde unter Druck gesetzt und bespitzelt worden. Die Verwaltung treffe schwere Schuld am Tod des Arztes. Joachim Nawrocki sprach darüber mit Alexander von Stahl, Senatsdirektor in der Justizbehörde, und Dr. Christoph Hilsberg, verantwortlicher Arzt der Jugendstrafanstalt Plötzensee.

ZEIT: Wie war die Situation in den Haftanstalten während des bundesweiten Hungerstreiks von terroristischen Häftlingen im Frühjahr 1981? Welche Konflikte entstanden für die betreuenden Anstaltsärzte?

Stahl: Es gab mehrere Forderungen der Hungerstreikenden: Sie wollten die Anerkennung als politische Häftlinge, ferner eine Verbesserung der Haftbedingungen, aber ihre wesentliche Forderung war der Zusammenschluß in größeren Gruppen. Dieser Zusammenschluß konnte aus den verschiedenen Gründen nicht stattfinden. Für die Ärzte war die Vorschrift des Paragraphen 101 Strafvollzugsgesetz außerordentlich belastend, der für den Extremfall die Verpflichtung zur Zwangsernährung enthält. In Berlin haben sich die Vollzugsärzte dazu bekannt, daß sie nicht bereit waren, Zwangsernährung durchzuführen. Hinzu kam, daß die Ärzte unter einem starken physischen und psychischen Druck standen, aber nicht nur sie, sondern auch das Anstaltspersonal und die Beamten der Justizverwaltung. Dr. Leschhorn hat in dem Wunsch, das Leben der Gefangenen unbedingt erhalten zu müssen, sich nicht nur zum Fürsprecher der Gefangenen gemacht, er hat sich teilweise auch ihre Forderungen zu eigen gemacht und sich mit ihrem Schicksal absolut identifiziert.

Was hat nun die Justizverwaltung Dr. Leschhorn vorgeworfen?

Stahl: Herr Dr. Leschhorn hat während des Hungerstreiks über die Grenze seiner physischen und psychischen Belastbarkeit hinaus gearbeitet. Hierfür gebührt ihm Dank. Leider kam es aber in der drei Wochen langen harten Phase des Hungerstreiks beinahe täglich zu Vorfällen, die die Zusammenarbeit sehr erschwerten. Herr Dr. Leschhorn hat vor allem die Weisungen der zuständigen Gerichte und Richter nicht beachtet, indem er die Besuchsmodalitäten nicht eingehalten hat. Er hat Besuche ohne Bewachung zugelassen. Er hat die Senatsverwaltung für Justiz in wichtigen

Dingen entgegen den Weisungen nicht informiert. Er hat versucht, notwendige Sicherheitsmaßnahmen zu unterbinden.

Offenbar gibt es einen Konflikt zwischen dem ärztlichen Ethos und den Erfordernissen des Strafvollzugs, zum Beispiel bei der ärztlichen Schweigepflicht. Wie ist das abzugrenzen?