Von Hanno Kühnert

Fünfzehn deutsche Professoren haben mit Titel und Würden ein „Heidelberger Manifest vom 17. Juni 1981“ unterzeichnet, einen Text, der wegen seiner aufgeblasenen pseudo-wissenschaftlichen Sprache und rassistischer Klänge Emotionen weckt. Von „Unterwanderung“ des deutschen Volkes durch Ausländer, von der „Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums ist die Rede. Vorurteile, Banalitäten, Stammtischweisheiten und schwülstige Definitionen weit unter Primanerniveau sind da zu lesen, gemischt mit wenigen vernünftigen Überlegungen. Wie kommt es, daß fünfzehn überwiegend reputierte, gestandene Professoren solch ein zur Problemlösung ungeeignetes Machwerk unterschrieben? Wie konnte es geschehen, daß die Wirkung von Sprache, ihre politische Ausstrahlung, daß die Reflexe einer katastrophalen rassistischen Vergangenheit von ehrbaren Professoren falsch eingeschätzt wurden?

Den Text gibt es. Er ist allerdings noch nicht „offiziell“ publiziert worden. Linke Studentengruppen in München sollen ihn mit den fünfzehn Signaturen in einer Bonner Telephonzelle gefunden haben. Die Initiatoren, besonders Professor Helmut Schröcke aus München, sind ratlos, wie das geschehen konnte, und wer unachtsam oder absichtlich den Text weitergab. Er wurde in der rechten Deutschen Wochenzeitung schon im November gedruckt – mit erst acht Unterschriften. Die Berliner tageszeitung (taz) druckte ihn, aber arglistig gekürzt. Sie nahm die für Grundgesetz, Ausländerinteressen und Entwicklungshilfe sprechenden Stellen weg und drückte das Papier zu einem noch schmuddeligerem Dokument zusammen.

Deshalb ist es dem „Heidelberger Kreis“, so nennt sich die Gelehrtenriege, kaum vorzuwerfen, daß die Signaturen auf unseriöse Weise unvollständig sind: Vornamen und Orte fehlen zumeist.

Mit elf von den fünfzehn Herren ließ sich in Ruhe und mit Bedacht telephonieren. Zwei waren nicht aufzutreiben, zwei weitere verschwinden in mutwilliger Unauffindbarkeit. Die elf Männer der Wissenschaft sind, das läßt sich deutlich sagen, allesamt ehrenhaft besorgt um das weitere Schicksal der Deutschen in der Bundesrepublik. Sie sehen angstvoll und mit bösen Vorahnungen dem Anwachsen der Ausländerzahlen entgegen und dachten reinen Herzens und zum Teil mit bewußtem Mannesmut, durch ihre Unterschrift „dieser Entwicklung entgegenzutreten“, nämlich daß „das tragende Ganze, das deutsche Volk, in seinem Fortbestand gefährdet“ sei und von Regierung und Medien „alleingelassen“ werde (Anschreiben).

Teils mit deutlichem Abscheu, teils differenziert und problembewußt, malten die Unterzeichner das Gespenst einer überfremdeten Bundesrepublik an die Wand, in der deutsche Kultur und Sprache, „schwachbrüstig“, wie sie seien, weiter zerrüttet würden. Mit Zahlen und Prognosen machten die Hochschullehrer klar, daß es sich vor allem um ein Türkenproblem handele. Fast durchgehend sagten die Professoren, diese Einwanderer seien nicht assimilierungswillig und nicht anpassungsfähig. Sie hätten aber eine kräftige, islamische Kultur. „Wenn das so weitergeht, dann werden wir von denen integriert.“

Die Frage, ob dieser Text angemessen, sprachlich einwandfrei, überzeugend und wirksam sei, war für die meisten Unterzeichner kein Problem. Seine salvatorischen Klauseln gegen Rassismus und Nationalismus reichten ihnen; das Grundgesetz war erwähnt, alles abgesichert. So konnte offenbar die übrige Darlegung so ungepflegt sein, wie sie ist.