Stangl suchte einen anderen Ausweg. Sein Auftrag war der „Bau“ des Lagers. Die Vergasung, die Verbrennung der Leichen, das hätten andere besorgt; die anderen seien die Mörder. Unbegreiflich, daß sein Intellekt ihm diese Lebenslüge erlaubte. Er war zwar Kommandant des Lagers, aber er tötete nicht selbst, trieb die Opfer nicht selbst mit Peitschen aus dem Waggon ins Gas. Er hat (um zu überleben) die Vorstellung entwickelt: Die Morde begeht ein von mir unabhängiges, übergeordnetes System, das seine Befehle unmittelbar gibt an die mit der Vergasung befaßten SS-Leute (deutsche, ukrainische, litauische). Er baute nur, sorgte nur für Ordnung. Nie hat er getötet, und wenn er bei Ankunft eines Transportes geschossen hat, dann in die Luft. Ja, „natürlich war es schrecklich. Aber was konnten wir tun?“, gab er auf die bohrenden Fragen Gitta Serenys zu.

„War Gott in Treblinka?“ fragte sie ihn. „Ja, wie hätte es sonst geschehen können?“

Nachdem Stangl sich selbst so konstruiert hatte und dabei wohl fühlte („er hatte dieses ständige Lächeln auf seinem Gesicht... es war halt, weil er glücklich war“), ist ihm seine Versetzung nach Treblinka schon nicht mehr schwer geworden. Dennoch erfand er sich auch für Treblinka ein Schild vor seinem Gewissen: Seine Aufgabe (als Kommandant!) war ja nur, festzustellen, wo die den Opfern vor dem Mord abgenommenen Wertsachen blieben – die waren nämlich im SS-Hauptquartier in Berlin nicht eingetroffen. „Die Transporte werden ausgeplündert, bevor sie Warschau überhaupt verlassen“, hatte jemand behauptet. Stangl: „Ich habe (dem Vorgesetzten in Berlin) dann gesagt, daß ich bereit war, die Verantwortung dafür zu übernehmen, daß von jetzt an alles genau in sein Büro abgeliefert werden würde.“ Über die „abgelieferte“ Beute gibt es – wirklich – eine genaue Abrechnung...

Ohne die Vernichtung der Menschen hätte es die Wertsachen doch gar nicht gegeben; könne er wirklich in seinen Gedanken das eine vom anderen trennen? Stangl: „Das konnte ich, weil mein spezieller Auftrag von Anfang an die Verantwortung für diese Sachen war.“ Und wenn sein spezieller Auftrag die Vergasung gewesen wäre? Stangl: „War sie aber nicht.“ Das machten „zwei Russen“. Und das machte das System ohne seine Mitwirkung und Verantwortung. Nicht daß sich jemand so verteidigt, ist das Entsetzliche. Sondern daß Menschen so konstruiert sind, daß sie solche Verteidigung selbst glauben. War nur Stangl so konstruiert?

*

Waren die Opfer – täglich oft 5000 bis 7000 – meist in luft- und lichtlosen Viehwagen in Treblinka angekommen, stand ihr schneller Tod im Gas fest. Über die nächsten zwei Stunden entschied die Herkunft der Unglücklichen. Transporte aus dem Westen wurden in einem blumengeschmückten, potemkinschen Bahnhof zum Aussteigen gebeten; sie glaubten sich wirklich in einem Umsiedlungslager, wie man es ihnen beim Abtransport vorgegaukelt hatte. Männer und Frauen (und Kinder) wurden getrennt – und sahen sich nicht mehr. Man bat freundlich, sich nackt auszuziehen: „Papiere, Geld und Wertsachen mitnehmen“, zum „Duschen“. Kaum hatte man die Opfer so weit, riß man ihnen die Wertsachen aus der Hand, untersuchte, auch innerlich, Anal- und Schamteile und trieb sie in Fünferreihen auf der von der SS so benannten „Himmelfahrtsstraße“ ins Gas; zuletzt peitschten die ukrainischen SS-Männer die wissend gewordenen.

Bei Transporten aus dem Osten sparte man sich die Täuschung: Jeweils drei Waggons wurden aufgemacht, die Ukrainer auf der Rampe trieben die Menschen mit langen Lederpeitschen heraus, sofort Schrecken verbreitend. Dann Entkleiden und mit Peitschen ins Gas. Waren zuviel Transporte auf einmal angekommen, mußten die nackten Opfer oft mehrere Stunden bei östlicher Kälte warten, bis die Vorangegangenen „erledigt“ waren. Den Kindern froren dabei oft die Füße an.