Inzwischen ist die Stimmung wieder einigermaßen normal; business as usual bei den Regierungsfraktionen und bei der Opposition. Auf der parlamentarischen Tagesordnung stehen, zum Beispiel, der Datenschutz und EG-Verordnungen. Um so mehr fragen sich die Bonner Schlachtenbummler, ob sie in der letzten Woche einen Ausnahmezustand erlebt haben, eine Studie in Massenpsychologie und Autosuggestion.

Denn die Zeichen schienen ja auf Sturm zu deuten, als die Spitzenmatadore der Koalition, diesmal mehr denn je zuvor in camera caritatis, ihr Beschäftigungsprogramm samt Finanzierung endlich ausgehandelt hatten, die Geheimniskrämerei umschlug in eine demonstrative Pressekonferenz des Kanzlers und seines Stellvertreters von der FDP – und als dieses Programm ganz beiläufig mit dem Ausrufungszeichen der Vertrauensfrage für die Kanzlerpolitik überhaupt versehen wurde.

Zumal sozialdemokratische Abgeordnete, besonders jene des linken Flügels, haben schwer unter dem Informationsentzug gelitten, der ihnen, als seien sie wirklich nur noch Notare, zugemutet wurde, bis das Programm endlich stand und durch öffentliche Bekanntgabe samt Ankündigung der Vertrauensfrage zunächst unrevidierbar war. Da schnaubten viele von "Vertrauensterror".

Aber seltsam, in der Sondersitzung der SPD-Fraktion, die dem Presseauftritt des Regierungschefs folgte, muß es eine Art Katharsis gegeben haben, keine Trotzreaktion etwa gegen den Kanzler, sondern instinktiv eine Art Wagenburg-Effekt: wir gegen den Rest der Welt.

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Das hielt an bis zu jenem Freitagnachmittag der vergangenen Woche, an dem das Vertrauensvotum so glanzvoll absolviert wurde. Die Reden waren mäßig, sowohl die des Kanzlers als auch die des Oppositionsführers und aller anderen. Aber darauf kam es nicht an.

Wichtig war vielmehr, daß alle an Deck waren, aus eigenem Entschluß, obwohl die Mehrheit auch ohne sie sicher gewesen wäre: Helmut Rohde im Rollstuhl hereingekarrt, wenngleich von einem Verkehrsunfall noch sehr gezeichnet; Antje Huber und Hans Matthöfer trotz Grippe; Günther Heyenn sogar mit Windpocken, wenn auch, wie es hieß, nicht mehr ansteckend. Dazu, ohne jede Bedeutung für den Stimmgang, aber eben Arm in Arm, die sozialdemokratischen Länderchefs Rau, Börner, Koschnick und von Dohnanyi auf der Bundesratsbank.