Von Irene Mayer-List

Paris, 12. März 1932. In den Straßen herrscht Chaos. Menschenmassen schieben sich zur Champs Elysée, um den Trauerzug für den französischen Außenminister Aristide Briand mitzuerleben. Ein feierlicher Konvoi soll den Sarg über die Prachtstraße geleiten. Die Polizei versucht verzweifelt, die Schaulustigen auf die Trottoirs zurückzudrängen. Viele Polizeireviere sind wegen des Großeinsatzes geschlossen – ein idealer Tag für Verbrechen.

Nur wenige Häuser vom Trubel der Champs Elysée entfernt, in einem eleganten Apartment der Avenue Victor Emanuel, wird an diesem Vormittag einer der mächtigsten internationalen Finanziers erschossen – der Schwede Ivar Kreuger, Herr über einen riesigen Zündholztrust, der auch das deutsche Streichholzmonopol beherrscht. Der Kommissar findet ihn angezogen auf seinem Bett, eine Pistole neben der linken Hand – und konstatiert eilig "Selbstmord". Erst später wundert man sich, daß die Pistole links lag, denn Kreuger war Rechtshänder. Obwohl die Spuren inzwischen verwischt sind, gilt es als nahezu sicher, daß der schwedische Millionär ermordet wurde.

Gegner besaß er genügend. Selbst fünfzig Jahre nach dem Attentat macht der berühmte Wirtschaftsmagnat seiner Nachwelt noch zu schaffen.

In Deutschland hat ihn eines seiner Millionengeschäfte bis zum heutigen Tag überlebt: sein Vertrag über das deutsche Zündholzmonopol Wir zahlen kräftig an diesem Erbe: Jedes Jahr überweist das Bundesfinanzministerium pünktlich im Januar und Juli rund drei Millionen Mark nach Schweden, gerade so viel, wie die Gewinne der Deutschen Zündwaren-Monopolgesellschaft (DZMG) einbringen. Denn wer in Deutschland Streichhölzer kauft, zahlt für ein Monopol und damit für die Tilgung eines alten Kredites, den Tvar Kreuger 1929 dem Deutschen Reich überließ.

Damals brauchte die Regierung dringend Devisen, und der Zündholzkönig bot sie billig an: Eine Anleihe über 125 Millionen Dollar mit sechsprozentiger Verzinsung, die erst in den Jahren 1941 bis 1980 zurückgezahlt werden sollte. Mitten in der Wirtschaftskrise war das ein günstiges Angebot. Doch der Schwede wollte mehr als Zinsen und Tilgung: das deutsche Zündholzmonopol – oder besser eine mehrheitliche Beteiligung daran. Kreuger war ein kühler Rechner. Er konnte die Zündhölzer aus seinen Fabriken mit Gewinn an das Monopol verkaufen, bekam zusätzlich ein Viertel des staatlichen Monopolgewinns ausgezahlt und war sicher, daß die restlichen Monopoleinnahmen für die Rückzahlung seiner Anleihe reichten. Die Rechnung ging auf. Am 15. Januar 1983 wird die letzte Rate des Kredits samt Gewinnbeteiligung abgezahlt. Das deutsche Monopol wird damit nach fünf Jahrzehnten aufgelöst.

Kreugers Ziele gingen aber über die deutschen Geschäfte weit hinaus. Er strebte nach dem Weltzündholzmonopol und näherte sich ihm mit atemberaubender Geschwindigkeit. 1907 hatte der gelernte Bauingenieur, mit einem Freund zusammen, einen kleinen schwedischen Betrieb gekauft – 1930 regierte er bereits über ein Imperium von hundertfünfzig Fabriken in vierzig Ländern mit 60 000 Beschäftigten. Mit Krediten an bankrotte Regierungen erhandelte er sich Monopole in Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, Griechenland, der Türkei und in Südamerika. Heute existiert allerdings keines mehr. Wo die Methode nicht zog, kaufte er die einheimischen Zündholzfabriken kurzerhand auf – so zum Beispiel in der Schweiz, in Frankreich, England und Italien. Selbst in Japan und Indien hatte er das Streichholzgeschäft im Griff, und auch die Amerikaner fürchteten den zielstrebigen Schweden.