Als könnte sie niemandem auch nur ein Haar krümmen: So freundlich lächelt sie manchmal, zu Beginn einer Prozeßpause, ihre beiden Anwälte an. So bescheiden wirkt sie, wenn sie den Gerichtssaal betritt, in ihrer weißen Strickjacke mit Zopfmuster, grünem Trachtenrock mit passenden grünen Wollstrümpfen. So lieb schaut sie aus mit ihren schulterlangen, breit gekämmten Haaren und dem blassen, immer noch mädchenhaften Gesicht. Und so gut benimmt sie sich, wenn sie einmal erschrocken den Kopf einzieht, weil der Vorsitzende Richter plötzlich ungehalten geworden ist über ihr „Mauern“, oder wenn sie ihre Mitangeklagten mit „Herr“ anredet oder es vermeidet, die Frau des Hauptangeklagten Manfred Roeder auch nur anzusehen, die vor Gericht als Beistand ihres Mannes zugelassen werden mußte und in der Verteidigerbank einen festen Platz hat.

Das also ist Sibylle Vorderbrügge, die 25jährige, angeklagt des Mordes in zwei Fällen, beteiligt an drei Attentaten auf Ausländerunterkünfte, beschuldigt der Zugehörigkeit zu den „Deutschen Aktionsgruppen“ jenes Manfred Roeder, dessen Geliebte sie war und für den sie alles tat, sogar töten. So, wie sie da ruhig vor dem Richtertisch sitzt, auf dem Tisch vor sich zwei gefüllte Schnellhefter mit ihren Aufzeichnungen; wie sie mit fester Stimme, wenngleich gelegentlich nach langem Zögern, auf Fragen antwortet, mal geschickt blockiert, mal freimütig ihre Taten im Detail schildert; wie sie schließlich in erzwungener Demut mitanhören muß, was der Vorsitzende des 5. Strafsenats des Oberlandesgerichts im Stammheimer Prozeßsaal aus ihrem intimen Tagebuch vorträgt, wobei er immer wieder erwähnt, daß er die heikelsten Stellen über ihre Betterlebnisse nicht zitiert – da reicht die Phantasie nicht aus, sich vorzustellen, wer sie war, was sie getan hat.

Diese Sibylle Vorderbrügge hat ihren von „Gott gesandten“ Roeder, den sie „Siegfried“ nannte oder „Arminius“, mit dem sie in einer Untergrundwohnung in Hannoversch Münden Tisch und Lagerstatt teilte, Reisen ins österreichische unternahm, den sie nach seiner Amerikafahrt nachts vom Amsterdamer Flughafen abholte, dessen sechs Kinder sie auf dem „Reichshof“ bei Schwarzenborn hütete, dessen Frau sie bei der Hausarbeit half, dessen Rundbriefe sie verschickte und dessen „Volksfeinde“-Kartei sie führte – sie hat ihn so geliebt, war ihm „geistig und sexuell hörig“ (laut Anklageschrift), daß sie für ihn zur Mörderin wurde. Etwa, weil sie ihm, dem „Reichsverweser“, glaubte, nur er könne das „Reich“ wieder aufrichten? Weil sie damit einverstanden war, daß auch dieser „Führer“ zwei Frauen haben mußte, wie alle „großen Männer“, denen „tausend junge Mädchen ein Kind schenken möchten“ (Roeder in seinem Tagebuch)? Weil sie ihm in allen Dingen zu Gefallen sein wollte, auch wenn es um Gewalt gegen Unschuldige („Halbaffen“ nach Roeder) ging? Oder weil sie (wieder nach seiner Eintragung) sonst nichts von ihm verlangte, nicht „sex, success, security“, nur seine Dienerin, seine unterwürfige Untergebene sein wollte, bereit, ihre Pflicht zu erfüllen – auch wenn es darum ging, die Plätze für Anschläge und Attentate auszukundschaften und an den Taten mitzuwirken?

Sie schont diesen Mann auch jetzt noch, indem sie sich standhaft weigert zuzugeben, ihr Idol Manfred Roeder, der siebenmal vorbestrafte Rechtsextremist und Ex-Anwalt, der drei Jahre im Untergrund agitierte, hätte vorher von ihren Anschlägen gewußt, er hätte die Opfer gewollt (zwei tote Vietnamesen in Hamburg, zwei verletzte Äthiopier in Echterdingen). Heute sagt sie nur, sie sei damals auf dem „falschen Weg“ gewesen, habe geglaubt, „im Krieg“ zu sein, wollte nur „Ausländer erschrecken“ und könne im übrigen ihre Lebensanschauung jetzt „nicht einfach leugnen“. Könnte sie es, würde sie heute wohl wieder Manfred Roeder in die Arme sinken.

Wie nur, warum nur? Wie gerät ein junges Mädchen auf die Bahn der Gewalt? Warum verfällt sie einem solchen Mann, solchem Fanatismus, solchem Wahn, der auch vor Mord nicht zurückschreckt? Sibylle Vorderbrügge gibt keine Antwort auf diese Fragen. Ihre Eltern: Ärzte beide, der Vater lange in Kriegsgefangenschaft, die Mutter aus Ostpreußen vertrieben. Behütet im bürgerlichen Heim darf sie tun, was ihr gefällt: reiten, musizieren, lesen (Das „Tagebuch der Anne Frank“ zum Beispiel, von dem sie ergriffen ist). Trotzdem, sagt sie, ist sie oft allein, verschließt sich ihren Eltern, die sie gewähren, wohl auch treiben lassen. Sie glänzt im Abitur, läßt sich als Radiologin ausbilden, arbeitet in einem Hamburger Krankenhaus.

Männer gefallen ihr schon früh, schon früh gefällt sie Männern: Mit 15 Jahren wird sie die Freundin des 13 Jahre älteren, verheirateten Mannes, dem sie acht Jahre lang die Treue hält, bis sie auf den untergetauchten Roeder stößt, den sie durch ihre Freundin und Krankenhaus-Kollegin Gabriele Colditz kennenlernt, weil sie ihr einmal das Frank-Tagebuch ausleihen wollte und dabei erfuhr, es handele sich um eine „Fälschung“. Also beschafft sie sich über Gabrieles Vater, den mitangeklagten HNO-Arzt Heinz Colditz, „Aufklärungsbücher“, liest sie, mit der Taschenlampe, heimlich unter der Bettdecke, läßt sich allmählich von der „Auschwitzlüge“, vom „Jahrhundertbetrug“ überzeugen, hört vom Tonband Hitler-Reden und Roeder-Ansprachen, fliegt zu Roeder, verliebt sich in ihn, ist ihm zu Willen in allem: „Endlich wieder ein Mann, den man bewundern muß“, notiert sie in ihr Tagebuch. Und er: „Eine nie gekannte Liebe und Leidenschaft... die Erfüllung eines doppelten Gebets.“ Sie, an anderer Stelle, immer in neugelernter Sütterlinschrift: „Ich muß die Liebe ausnutzen. Wenn mich so viele Menschen lieben, kann ich noch mehr Menschen begeistern.“

Was der jungen, nicht auffallend attraktiven Sibylle Vorderbrügge mit Männern nicht alles widerfährt und worüber sie stolz genau Buch führt: Aus Roeders „Freundeskreis“ macht ihr einer eine „Liebeserklärung“. An einem anderen Tag machen ihr gleich zwei eine „Liebeserklärung“. Und Raymund Hörnle, ein sonst biederer, rechtschaffener Werkmeister und Vater von sechs Kindern, läßt sich von ihr, mitten in der Arbeit, zum Bombenlegen kommandieren, sagt auf eine schnippische Bemerkung von ihr: Er werde doch das Liebste, das er auf der Welt habe, nicht in Gefahr bringen (als er einmal ihr Auto repariert).