Kiel

Donnerstag, vergangene Woche: Es war nicht die erste Krisensitzung. Es war auch nicht das erstemal, daß eine Rettung in letzter Minute gelang. Diesmal zeichneten Kommanditisten, Freunde und Gesellschafter Anteile in Höhe von 120 000 Mark. Die Kieler Rundschau kann weiter erscheinen.

„Zartes Pflänzchen in der Presselandschaft“ schrieb die Frankfurter Rundschau, „Pfeifton im dunklen Blätterwald“ der Vorwärts, und der Spiegel erklärte sie kurz und bündig zum „Ding mit Schub“. Das war vor einem Jahr, als eine „Initiative für Pressevielfalt“ eine neue Zeitung in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt gründete, die Kieler Rundschau, eine „Unabhängige Wochenzeitung für Schleswig-Holstein“, Preis: 1,30 Mark. In Kiel gab es zehn lange Jahre nur eine Lokalzeitung, die Kieler Nachrichten, ein konservativbürgerliches Blatt, das der CDU nahesteht und mit einer Auflage von 118 000 und zwei der drei Kieler Anzeigenblätter den Markt beherrschte. Einige Bürger haben sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, sie schufen couragiert eine zweite Zeitung, einen Kontrapunkt für Kiel.

Im Januar feierte der junge Verlag Kieler Rundschau einjähriges Jubiläum. Trotz finanzieller Durststrecken, immer noch fehlender Großanzeigen und öffentlich-rechtlicher Kritik aus dem Funkhaus Kiel des NDR: Das „Kieler Modell“ geht ins zweite Jahr.

„Einige Millionen sind nicht nötig zur Gründung einer neuen Zeitung, das ist bewiesen, aber knapp 200 000, wie in diesem Fall, sind doch ein arger Schnürschuh“, schrieb Werner Boldt, politischer Redakteur der Kieler Rundschau, zum Geburtstag. „Große Sprünge – etwa der immer wieder angemahnte in Richtung Tageszeitung – sind damit nicht zu machen. Doch das Etappenziel ist erreicht: Auflage verdoppelt, Kostendeckung erstmals geschafft.“ Heute liegt die Auflage bei fast 9000, Tendenz zunehmend. Angepeiltes Ziel für dieses Jahr: 10 000. Doch das Stammkapital aus der Gründerzeit in Höhe von 190 000 Mark ist lange aufgebraucht.

Die großen und geldbringenden Anzeigen fehlen noch. „Am meisten wird uns die angeblich extrem linke Meinung vorgehalten“, klagt Geschäftsführerin Petra Bauer.

Im März vergangenen Jahres stand das Projekt Kieler Rundschau schon einmal vor dem Bankrott. „Falls nicht mindestens 50 000 Mark eingehen, stellen wir unser Erscheinen ein“, drohte die Geschäftsführerin auf dem Titelblatt. Das half: Binnen drei Wochen überwiesen Kieler Bürger fast hunderttausend Mark. Die meisten zeichneten Anteile in Höhe von 500 oder 1000 Mark und wurden Mitherausgeber der neuen Zeitung.

Die Kieler Rundschau ist eine linke, regionale Zeitung. Dort schreiben Journalisten, die als Parteimitglieder noch auf die SPD setzen, aber auch jene, deren journalistisches Selbstverständnis es ihnen untersagt, Redakteur und Parteimitglied zu sein. Das Redaktionsstatut, naturgemäß schwammig, formuliert den politischen Standort so: „Die Kieler Rundschau ist bemüht, ein breites liberales bis linkes Meinungsspektrum zu repräsentieren.“

Natürlich betrachten die von der Presse des Landes nicht gerade verwöhnten Sozialdemokraten das Projekt mit Wohlwollen. Viele prominente Kieler Sozialdemokraten haben Anteile gekauft, Oberbürgermeister Karl Heinz Luckardt genauso wie die Bundestagsabgeordneten Norbert Gansel, Heide Simonis und Horst Jungmann.

Als Sprachrohr der SPD verstehen sich die vier festangestellten Redakteure und die zahlreichen freien Mitarbeiter der Kieler Rundschau auf keinen Fall. Da wird in einer Satire das adelige Auftreten des Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi ebenso kritisiert wie CDU-Innenminister Uwe Barschel wegen einer Hausdurchsuchung bei DKP-Funktionären. Kritik auch an der Bundesregierung wegen des Ausbaus der Kernenergie; die SPD zwischen Nachrüstung und Friedensbewegung ist ein Dauerbrenner, wie auch Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg, ob es nun um Beschäftigungpolitik oder um Gesamtschulen geht.

Die Jubiläumsausgabe der Kieler Rundschau enthielt als Aufmacher einen Bericht über Kiels größten Arbeitgeber, die Howaldtswerke, wo 1000 Arbeitsplätze in Gefahr sind. Lokalkolorit auch beim zweiten Leitartikel, der über Bürgerproteste gegen eine Mülldeponie im Kreis Rendsburg/Eckernförde informiert. Eine Karikatur, ein kurzer Bericht sowie ein Gastkommentar eines Göttinger Juristen zum Thema „Zehn Jahre Radikalenerlaß“ vervollständigten das Titelblatt.

Die Kieler Rundschau ist keine Zeitung der alternativen Szene wie die Tageszeitung (taz). Alternative Ideen, ökologische Fragen, Umweltschutz und Probleme von Minderheiten werden aber auch dargestellt. Lokale Themen und die Landespolitik dominieren. Außen- und Bundespolitik wird weniger berücksichtigt, dafür gibt es eine feste Rubrik „Berichte aus der Arbeitswelt“, eine Seite für Reportagen (beispielsweise über Südamerika oder ein Jugendzentrum in Kiel) und die vielbeachtete letzte Seite mit Karikatur und Satire. Die Sportseite wurde, weil zu teuer, eingestellt. Das Fersehprogramm und ein ausführlicher Veranstaltungskalender sind dagegen feste Sparten. Alles in allem entstehen jede Woche zwanzig Seiten Zeitung, davon vier Seiten mit Anzeigen.

„Wenn es hier in Kiel gelingt, müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn es in Hamburg nicht ginge“, sagte Klaus Schwidrowski auf der ersten Gesellschafterversammlung der Kieler Rundschau. Schwidrowski, früher Redakteur bei der Hamburger Morgenpost, ist in Sachen Hamburger Rundschau unterwegs. Er trommelt Anteile zusammen unter dem Motto „Wir brauchen tausend Leute mit tausend Mark“. Der Startschuß in Hamburg fällt am ersten April dieses Jahres.

Ähnliche Initiativen zwecks Gründung linker und links-liberaler Zeitungen gibt es mittlerweile auch in Wuppertal, wo bereits eine Nullnummer erschienen ist, sowie in Freiburg und Mainz.

Ralf Kaiser