Rheinisches Landesmuseum: Das Porträt in der Photographie

Von Peter Sager

Ohne Photos kommen wir nicht weit. Immer will jemand wissen, wie wir aussehen: bei Bewerbungen, auf Ämtern, an der Grenze. Als ob jemand dann wüßte, wer wir sind. Weil das Risiko relativ gering ist, gehen wir ins nächste Photomaton und porträtieren uns selbst im Bildautomaten. Die Ähnlichkeit, wiewohl erschreckend, führt selten zu Identitätsproblemen oder gar zu grundsätzlichen Zweifeln an diesem fortgeschrittenen Verfahren, sich selbst ins Bild zu setzen.

Als Ende des 19. Jahrhunderts Wilhelm Trübner einen Mann porträtierte, bat der den Maler, er möge die Runzeln und Falten auf seinem Gesicht nicht vergessen. Trübner zeigte zum Fenster hinaus: „Da drübe wohnt a Photograph. Wenn Sie Runzeln und Falten haben wolle, da müssen Sie den komme lassen, der machts’s Ihne alle rein; i mal Geschichte.“

Mit dieser Anekdote illustrierte Siegfried Kracauer 1927 seine These, die Photographie komme über einen „bloßen Oberflächenzusammenhang“ kaum hinaus. Kein Zweifel, die Photographie ist der Triumph der Oberfläche. Was lag näher, als aus dieser angeblichen Schwäche der bloßen Reproduktion ihre Stärke zu definieren, das Wesen dieses Mediums? „Meine Photographien“, sagt Richard Avedon, „gehen nicht unter die Oberfläche. Sie blicken hinter gar nichts. Sie lesen nur ab, was auf der Oberfläche zu sehen ist. Ich habe ein großes Vertrauen in die Aussagekraft der Oberfläche. Eine gute Oberfläche bietet eine Menge Anhaltspunkte.“

Die überlebensgroßen Porträtaufnahmen Avedons, Archetypen des Individuums, gehören zu den Glanzpunkten der Ausstellung „Lichtbildnisse“ im Rheinischen Landesmuseum Bonn. Marilyn Monroe, photographiert am 6. Mai 1957: Kein Gemälde, keine Porträtplastik erreicht diese Präsenz und diese Körperlichkeit, diese unendliche Verlängerung des Augenblicks. Die Macht der Oberfläche, ihre Präzision und Magie tritt nirgendwo deutlicher zutage als in der Porträtphotographie. Nicht umsonst fürchtete Balzac, die Photographie sei in der Lage, mit jedem Abbild eine der dünnen Hautschichten seines Körpers abzutragen. Und nicht umsonst wünschte sich sogar ein so erklärter Gegner der Photographie wie Baudelaire sehnlichst eine Porträtaufnahme seiner Mutter.

„Mit Hilfe der Daguerreotypie wird sich leicht erreichen lassen, daß jeder porträtiert wird – früher nur die Ausgezeichneten; und zur gleichen Zeit arbeitet man mit aller Macht darauf hin, daß wir alle das gleiche Aussehen haben – so daß nur ein einziges Porträt nötig wäre.“ Diese Tagebuchnotiz Kierkegaards von 1854 hängt programmatisch Entree der Bonner Ausstellung, daneben eine Collage aus lauter Gesichtern, aufgenommen hundert Jahre später von Harry Callahan: Menschenmassen, Bildermassen. Es gehört zu den vielen Lücken der Photohistorie, daß es noch keine geschriebene Geschichte der Porträtphotographie gibt, abgesehen von so faszinierenden Ansätzen wie Ben Maddows Buch „Antlitz“ (DuMont, 1979). Fünf Jahre haben Klaus Honnef und sein Team an diesem immensen Thema gearbeitet. Das Ergebnis ist nicht einfach eine Ausstellung, sondern eine Ausstellungs-Trilogie, überwältigend in der schieren Fülle (und Qualität) ihres Materials, provozierend in ihren Thesen, voller Entdeckungen, wenn auch nicht ohne Wiederholungen, ein Bonner Ereignis endlich einmal von internationalem Rang.