Von Theo Sommer

Washington war von allem Anfang an gegen das westeuropäisch-sowjetische "Jahrhundertgeschäft" Erdgas gegen Röhren – längst vor Polen, auch längst vor Afghanistan. Präsident Carters Widerstand fruchtete freilich nichts, und auch sein Nachfolger Ronald Reagan, so schien es noch vor einer Woche, würde sich wohl zähneknirschend fügen müssen. Aber jetzt sind die Gegner des Vorhabens – vor allem Verteidigungsminister Weinberger – zum Sturm auf das Weiße Haus angetreten. Es ist denkbar, daß der Präsident seinen europäischen Verbündeten doch noch Knüppel zwischen die Beine steckt.

Die amerikanische Kritik zielt seit 1976/77 auf dieselben Punkte. Das Röhrengeschäft erhöhe die Energieabhängigkeit Westeuropas, zumal der Bundesrepublik, von der Sowjetunion in einem Maße, das dem Kreml einen Erpressungshebel in die Hand gebe. Es bringe den Sowjets jährlich zehn Milliarden Dollar an Devisen ein, mit denen sie dann auf dem Weltmarkt westliche Technik einkaufen könnten – in erster Linie hochentwickelte Technik für ihre Überrüstung. Es vernachlässige eine realistische westliche Sicherheitspolitik zugunsten einer illusorischen Sehnsucht nach Zusammenarbeit mit dem Osten.

Die westeuropäischen Gegenargumente sind ebenfalls seit Jahren unverändert:

Erstens: Die Energieabhängigkeit von den Sowjets wächst prozentual keineswegs, da die Steigerung der Gaslieferungen mit einem Rückgang der sowjetischen Erdöllieferungen einhergeht. Der Anteil der Sowjetenergie am gesamten Primärenergieverbrauch der Bundesrepublik wird sechs Prozent auch in den neunziger Jahren nicht überschreiten. Gleichzeitig aber wird der hohe Grad der Abhängigkeit von den Erdölproduzenten des unruhigen, unsicheren arabischen Raumes gemildert. Im übrigen: Wenn die CIA-Prognose stimmt, daß die sowjetische Ölförderung zurückgehen wird, dann ist es ein Gebot der Klugheit, den Russen bei der Erschließung ihrer sibirischen Vorkommen zu helfen – so läßt sich am ehesten verhindern, daß sie eines Tages aus Erdölmangel als Käufer oder als Eroberer im Mittleren Osten erscheinen.

Zweitens: Die Erpreßbarkeit, wenn bei den geringen Mengen davon überhaupt die Rede sein kann, wird durch Substitutionsvorkehrungen reduziert: Einrichtung von Erdgaslagern, Eventualfallabsprachen mit Ersatzlieferanten (Norwegen, Algerien), Anschluß an den europäischen Energieverbund. Abhängigkeit entsteht überdies in beiden Richtungen. Die Risikoschwelle wird auch für die Sowjets höher: Drehen sie Europa den Gashahn zu, erhalten sie keine Industriegüter, keine Fabrikausrüstungen, keine Ersatzteile mehr. Das Ergebnis wäre ein Wirtschaftschaos ohnegleichen. Und womit sollen die Russen wohl das amerikanische Getreide bezahlen, wenn sie nicht in Westeuropa Devisen verdienen können?

Drittens: Auf die Vereinigten Staaten entfallen bloß neun Prozent des Osthandels der OECD-Länder; auf Italien 10, auf Frankreich 12, auf die Bundesrepublik 25 Prozent (einschließlich des innerdeutschen Handels). Achtzig Prozent der US-Lieferungen bestehen aus Getreide, achtzig Prozent der westeuropäischen Lieferungen aus Industrieerzeugnissen. Daraus erklären sich die unterschiedlichen Interessen der transatlantischen Partner. Hinzu kommen Unterschiede der Philosophie. Für die Amerikaner ist der Osthandel in erster Linie ein politisches Instrument, mit dem die Sowjets bei Wohlverhalten belohnt werden können, bei Widerborstigkeit zu züchtigen sind. Für die Westeuropäer ist der Osthandel ein Mittel, das ungeachtet aller Widrigkeiten die Sowjets auf lange Sicht in die weltwirtschaftliche Interdependenz einbinden kann. Sie sehen Sicherheit und Zusammenarbeit nicht als Gegensätze an, die einander ausschließen, sondern als Elemente, die einander ergänzen. Sie wollen auch nach Afghanistan, nach Polen keinen Handelskrieg, der die Sowjets bloß isolierte und ihnen damit freie Hand für einen Belagerungskommunismus übelster Sorte gäbe; sie wollen an Öffnung – an östlicher Abkehr von Autarkie auch – erhalten, was sich im vergangenen Jahrdutzend entwickelt hat. Nur darin sehen sie eine Chance des langfristigen Wandels.

Wird Reagan auf diese Argumente etwas geben? Oder wird er tief in die arbeitsteilige Wirtschaft der demokratischen Industriestaaten eingreifen, indem er den Westeuropäern US-Lizenzen im Osthandel verweigert? Will er die Atlantische Allianz führen, indem er mit der Faust auf den Tisch schlägt, oder wird er doch noch den Ausgleich der divergierenden Interessen anstreben, wie es ihm sein Außenminister Haig anrät? Von Reagans Antwort hängt es ab, ob die Krise der kommunistischen Welt auch das Bündnis der Demokratie im Innersten erschüttert.