Deutsche Gewerkschafter hegten schon früher oft den Verdacht, die Bundesbank wolle die „Konjunktur zusammenknüppeln“ (Eugen Loderer), um die Arbeitnehmer zur Lohndisziplin zu zwingen. Seither sind sie mit derartigen Vorwürfen etwas vorsichtiger geworden, aber sie beschuldigen die Frankfurter Währungshüter nach wie vor, daß die Bundesbank den „Spielraum für Zinssenkungen nicht ausreichend nutzt“. Und so lange die Zinsen so hoch sind, kommt die darniederliegende Bauwirtschaft nicht in Schwung, zögert die Industrie mit Investitionen, sind die Verbraucher nicht bereit, Anschaffungen mit Krediten zu finanzieren, hält der Handel sich – wie jetzt auch auf der Frankfurter Frühjahrsmesse wieder zu beobachten – mit Bestellungen zurück. Wegen der hohen Zinskosten kann er keine größeren Warenlager finanzieren.

Daß das hohe Zinsniveau „ein wichtiges und wirksames Investitionshemmnis und damit Ursache unserer Beschäftigungsprobleme ist“, glaubt auch Bundesfinanzminister Hans Matthöfer. Eine Zinssenkung wäre deshalb nach seiner Meinung das „beste Beschäftigungsprogramm“. Verwirklichen ließe es sich aber nur dann, wenn die deutsche Wirtschaft sich vom amerikanischen Zinsniveau abkoppeln könnte. Das wäre um so dringlicher, weil sich die Zinsen in den USA nach Ansicht des deutschen Finanzministers „noch für längere Zeit in brutaler Höhe bewegen“ werden.

Vor den Folgen der Hochzinspolitik hat Kanzler Helmut Schmidt den amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan zwar schon im vergangenen Mai bei seinem Besuch in Washington eindringlich gewarnt. Der Kanzler sah bereits damals die Gefahr einer tiefen Weltrezession. Doch diese Mahnungen konnten die amerikanischen Notenbankpolitiker nicht von ihrem Stabilitätskurs abbringen – mit weitreichenden Folgen für die übrige Welt.

„Wann immer der Zentralbankrat den Geldhahn für die Banken in dem Bemühen drosselt, die Inflation zu stoppen, oder wann immer die US-Regierung versucht, ihre Defizite durch Kreditaufnahme zu finanzieren, bedeutet der damit einhergehende Zinsanstieg ein Signal für Investoren und Spekulanten rund um den Globus“, schreibt das amerikanische Nachrichtenmagazin Time in einer Untersuchung der weltweiten Folgen der Geldpolitik in den USA. Es verweist darauf, daß in Europa die durchschnittliche Arbeitslosenquote inzwischen bei neun Prozent liegt und daß alle Versuche der Regierungen, die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen, durch das von den USA bestimmte hohe Zinsniveau und den Kursanstieg der Dollar „untergraben“ werden.

Kein Wunder, daß in Europa der Ruf nach einem „Abkoppeln“ von der Zinsentwicklung in Amerika immer lauter wird. Auch beim jüngsten deutsch-französischen Gipfeltreffen wurde die amerikanische Zinspolitik von Staatspräsident François Mitterrand und seinem Gast Helmut Schmidt einer herben Kritik unterzogen. Sie gelobten, gemeinsam mit ihren europäischen Partnern nach einer Strategie zu suchen, die es den Europäern erlauben könnte, das Geld ohne Rücksicht auf die Entwicklung jenseits des Atlantik zu Hause billiger zu machen (siehe auch Seite 18).

Seither herrscht Unruhe an den Finanzmärkten. Hektische Kursschwankungen und eine nervöse Stimmung kennzeichneten zu Beginn dieser Woche das Geschäft an den internationalen Geld-, Devisen- und Edelmetallmärkten. Die deutsche Währung sackte dabei erneut ab. Um die Absichten der beiden Politiker rankten sich inzwischen wilde Gerüchte – bis hin zu der Vermutung, in der Bundesrepublik könnten demnächst Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden, um den Geldexport in das Hochzinsland USA zu stoppen.

Die Aufregung war überflüssig. Selbst in Paris – wo man traditionell mit Beschränkungen des freien Waren- und Geldverkehrs weit weniger zimperlich ist als es die Deutschen sind – herrschen nur vage Vorstellungen, wie der amerikanischen Herausforderung begegnet werden könne. Ein enger Mitarbeiter des französischen Wirtschaftsministers Jacques Delors auf die Frage nach der Strategie im Kampf gegen den amerikanischen Zinssog: „Ich fürchte, es gibt keine konkrete Konzeption.“