Der Hund ist ein schwarzweiß gefleckter Bastard. Seine Schulterhöhe ist die eines ausgewachsenen Schäferhundes. Kein Halsband. Alter unbestimmt. Man findet ihn in der Nähe der Autobahn Stuttgart-München. Er ist vollkommen ausgehungert und ausgefroren. Wahrscheinlich gehört er zu den Wegwerftieren, die von den Leuten als Spielzeug gekauft und später davongejagt werden, wenn sich herausstellt, daß es sich um ein Lebewesen mit Zähnen, Därmen und den damit zusammenhängenden Ansprüchen handelt. Vermutlich ist der Hund jemandem lästig geworden, der über Weihnachten unbeschwert in den Ski-Urlaub fahren wollte.

„Jedes Jahr werden in der Bundesrepublik 90 000 Hunde verstoßen“, sagt der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Dr. Andreas Grasmüller. „Natürlich wissen wir nicht, wie viele darüber hinaus noch im Verkehr umkommen.“

Ende Januar nimmt die Familie Müller in Bonstetten bei Augsburg den schwarzweißen Hund auf. Ein kleinerer ist schon im Haus. Auf einen Fresser mehr kommt es nicht an. Die noch nicht ganz fünfjährige Tochter Anita ist mit Hunden vertraut. Der große Neue ist ein gutmütiges Tier. „Nur wenn man sich mit der Hand an den Kopf gelangt hat“, erinnert sich die Mutter später, „dann hat er sich geduckt.“ Der Hund scheint schlechte Erfahrungen mit erhobenen Händen gemacht zu haben, bevor er ausgesetzt wurde.

Als er am Vormittag des 2. Februar Anita im Genick packt, ist niemand dabei. Man kann den Vorfall nur rekonstruieren. „Attacken werden gewöhnlich gegen die Schulter, das Genick und das Gesicht gerichtet“, schreibt der Canidensoziologe Michael W. Fox. Später im Krankenhaus sagt Anita weinend zu einem der Ärzte: „Aber es war doch mein Bauklötzle.“

Die Beißhemmung eines Hundes bleibt relativ hoch, wenn der Angegriffene nach dem ersten Zubeißen stillhält. Wenn sich der Gebissene, dann sinkt die Hemmschwelle. Die kleine Anita scheint eine Abwehrbewegung gemacht zu haben, denn der Hund faßt nach.

„Das Blut ist ein Reiz, der weitere Aggression auslöst“, sagt der Verhaltensforscher Professor Otto König.

Der Hund trennt die Kopfhaut im Genick des Mädchens ab und reißt sie nach vorn. Die Folge ist eine Skalpierung bis zu den Augenbrauen. Der Schädelknochen liegt bloß. Der Hausarzt Dr. Buhlig findet den Skalp später im Schnee. Er verpackt ihn sachkundig und schickt ihn dem schwerverletzten Mädchen nach.