Ein Machtwort des Papstes, das er selbst als „Liebestat“ bezeichnet, soll die Krise im Jesuitenorden besänftigen.

Die 86 Provinzialoberen aus aller Welt, die in Grotta Ferrata bei Rom hinter verschlossenen Türen den künftigen Kurs ihres Ordens zu bestimmen versuchten, waren nicht frei in ihren Entschlüssen. Der Papst hatte einen Schlaganfall des Ordensgenerals Arrupe rigoros benutzt, um den 78jährigen, der „allzu liberal“ regiert hatte, zu entmachten. Auf seine Weise wollte Johannes Paul II. die 26 000 Jesuiten wieder disziplinieren.

Ganz so schlimm kann es freilich mit der Disziplin nicht stehen, denn der Papst hat den Ordensoberen nur in verblümten Worten die Leviten gelesen. Die öffentliche Meinung habe auf seinen „Eingriff“ vielleicht eine Antwort der Jesuiten im Sinne „menschlicher Logik“ erwartet, meinte er; doch die Reaktion der Patres sei bewundernswert gewesen – gehorsam nämlich im Sinne der „guten wahren Tradition“ des Ordensgründers Ignatius.

Der war zwar 1547 so weit gegangen, „bei dem Weißen, das ich sehe zu glauben“, das Schwarze zu sehen, „wenn die hierarchische Kirche so entscheidet“. Doch soviel Askese verlangt der Papst gar nicht. Ein Dorn im Auge sind ihm „persönliche Kriterien und soziologisch-psychologische Theorien“, nach denen manche Jesuiten die Konzilsreformen der katholischen Kirche auslegen. „Progressismus“ wie „Integralismus“ – extreme Öffnung zur Welt ebenso wie selbstgewisse Vermauerung davor – mißfallen ihm. Er will die Jesuiten weder nach links noch nach rechts abdriften sehen, sondern geradlinig auf einem Mittelweg marschieren lassen.

Also konservativ? Nur in dem Sinne, daß sich die Patres vor allem ihren priesterlichen Funktionen in Seelsorge, Theologie und Philosophie, Erziehung und Mission widmen sollen; jedoch nicht oder nur in „gewissen Fällen“ zusätzlich als Ärzte, Sozialhelfer, Politiker, Gewerkschafter. Derlei „Abweichungen“, wie es der Papst nennt, machen dem Orden nicht nur in Industriestaaten (vor allem in den USA, wo ein Fünftel aller Jesuiten tätig ist) zu schaffen, sondern auch in Mittel- und Südamerika, wo mancher Jesuit sein Engagement für die Armen im Bunde mit Marxisten betreibt, sogar den bewaffneten Kampf billigt.

Dem Papst geht es freilich auch darum, jener Art von „Verweltlichung“ zu wehren, die sich in freizügigem Umgang mit Besitz und Geld, im Verlassen der jesuitischen Wohngemeinschaft (Klöster hat der Orden ohnehin nicht), aber auch in individuellen Bindungen an Menschen – nicht nur an Frauen – äußern kann.

Jener Typ des Jesuiten, der sich kaum noch erkennbar, zivil und gewandt in verschiedensten Lebensbereichen bewegt, viel Ansehen für seine Kirche, aber auch Mißverständnisse erregen kann, ist im Orden selbst nicht unumstritten. Eliten lassen sich eben schwer egalisieren. Die Frage ist nur, ob dazu das Machtwort aus Rom ausreicht. Hansjakob Stehle