Von Rolf Michaelis

Dankbar wäre ich, wenn Sie mir einen Aufsatz oder ein Buch nennen könnten, das mich über geistige Strömungen des jungen Holland unterrichtet. Man erfährt in Deutschland wenig darüber.

Ernst Toller, nach der Teilnahme an der Münchner Räterepublik auf der Festung Niederschönenfeld inhaftiert, in einem bisher unveröffentlichten Brief vom 15. Februar 1922 an den holländischen Dichter und Publizisten Arthur Lehning.

Treppauf, treppab in Amsterdam. Wir stolpern durch ein mal auf-, mal abwärts führendes Stiegenlabyrinth und stehen plötzlich auf dem Speicher, der hinter den Giebeln dreier Grachtenhäuser versteckt, ist – in einer Kirche. Speicher- oder Flucht-Kirchen wie die heute als Museum erhaltene Kapelle mit dem zärtlichen Decknamen „Ons’ Lieve Heer op Solder“, Unser Herrgott unter’m Dach, ließen katholische Bürger in ihre Handelshäuser an der Amstel und an deren Kanälen bauen, als die Stadt sich 1578 zum Calvinismus bekannte und Gottesdienst in der alten Art nur noch heimlich gehalten werden konnte. 200 Jahre lang, bis 1795 die französische Revolutionsarmee die Glaubensfreiheit brachte, betete die verfolgte Minderheit Amsterdams im Versteck.

Am Ende der schmalen, fast senkrechten Treppe steht ein Bücherregal mit staubigen Aktenordnern. Der Schrank kann gedreht werden: Dann führt eine ebenso steile Treppe ins Hinterhaus, in „Het Achterhuis“, wie die Dreizehnjährige ihr Tagebuch nannte, das sie in diesem Versteck führte. 25 Monate lang schrieb die am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main geborene Anne Frank in ihre Hefte, ehe die Familie und einige Freunde der damals verfolgten jüdischen Minderheit, die sich im Hinterhaus vor den Nazis verborgen hielten, am 4. August 1944 verraten wurden. Sie kamen, bis auf Annes Vater, alle um. Und selbst wenn sie, wie Anne und ihre Schwester Margot, Auschwitz überlebten, holte der Tod sie ein: Die Mädchen starben, im März 1945, wenige Wochen vor der Befreiung, im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus.

Welche Tür man an den Ufern der Amstel öffnet, welche Treppe man in alten Grachtenhäusern emporsteigt, durch welche Gassen man geht – die Geschichte dieser Stadt erzählt von Flüchtlingen, von Exil, von Not und Tod. Weil alle Häuser hier, auch Straßen und Brücken, dem Meer und der Sumpfniederung der Amstel abgetrotzt und auf Holzpfählen gebaut sind, meinte der Philosoph Erasmus von Rotterdam, die Amsterdamer lebten „wie Vögel auf Baumwipfeln“.

Das Bild hat in den fünf Jahrhunderten einen bösen Nebensinn bekommen: Die Menschen wurden in diesem Zufluchtsort der Verfolgten und Vertriebenen wie Vögel auch gejagt. Wurde nicht einer der berühmtesten Amsterdamer, dessen Familie einst aus Portugal geflohen war – wurde nicht der Philosoph Baruch de Spinoza 1656 wegen „schrecklicher Irrlehren“ aus der jüdischen Gemeinde ausgestoßen und mit dem Bannfluch belegt, nur weil er von seinen durch Vernunft nachprüfbaren, rationalen, mathematischen Thesen nicht lassen wollte?