Heimliche Liebe

Herr M. klagte bitter über die nun wirklich bizarre Schamhaftigkeit der Chinesinnen. Diese Prüderie gehe ja weit über alles hinaus, was er je in sozialistischen Ländern erlebt habe. Zum Beispiel!

Er habe zum Beispiel in der Stadt Kaifeng Aufnahmen für einen Fernsehfilm über die Frau in China gemacht und dort mit einer reizenden, munteren Lokomotivführerin die Fragen vorbesprochen, die er ihr später vor der Kamera stellen wollte. Sie war bereit, alle zu beantworten, nur nicht die, ob sie schon einmal in ihrem Leben verliebt gewesen sei. Die Frage, sagte sie, würde sie verlegen machen; sie würde bestimmt erröten. Und das könnte dann ja jedermann sehen, da der Film in Farbe aufgenommen werde. Und als sie das sagte, sei sie tatsächlich über und über rot geworden.

Man hört zuweilen, die Prüderie oder überhaupt die sexuelle Scham, die der Psychologie ein so dankbares Feld für alle ihre vielen einander ausschließenden Theorien eröffnet, sei lediglich eine Folge der christlichen Moralbegriffe. Es wird wohl zutreffen, daß verklemmte christliche Moral hier viel Unheil angerichtet hat; aber das ganz unchristliche China ist viel prüder, die sexuelle Scham dort auch heute noch viel wirksamer als in der westlichen, der christlichen Welt. Einer der frühen englischen Sinologen des vorigen Jahrhunderts, Thomas Meadows, erhob zwar gewichtige Einwände gegen die klassischen Philosophen Chinas, weil sie das Licht des Evangeliums noch nicht geschaut hätten, aber er lobte es und rechnete es innen hoch an, daß weder in ihren Werken noch den Kommentaren auch nur ein einziger Satz zu finden sei, „den man nicht in jedem Familienzirkel in England laut vorlesen könne“. Mit der Heiligen Schrift hatte man in dieser Hinsicht anscheinend einige Probleme.

Keine Diktatur verträgt sich mit Permissivität, auch nicht die des Proletariats, weshalb denn auch die Epoche der „freien Liebe“ in der Sowjetunion nur kurz gewesen ist. Dennoch ist es nicht allein auf den Sozialismus zurückzuführen und sicher auch nicht allein aus der chinesischen Tradition zu erklären, daß die Liebe in China so tabuisiert ist.

„Und sie waren beide nackt, der Mensch und sein Weib, und sie schämten sich nicht.“ So war es, dem einzigen Bericht zufolge, den wir darüber besitzen, im Anfang. Im Paradies. Als sie aber den Apfel gegessen hatten und ihnen die Augen aufgetan waren, änderte sich das. „Sie wurden gewahr, daß sie nackt waren und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.“

Seither ist die Scham eine Grundeigenschaft des Menschen, eine Macht überall und in allen Gesellschaften, in denen Sitte, Sittlichkeit, Verantwortung und Ordnung hohe Werte sind. Die Scham setzt Grenzen, in denen das öffentliche gesellschaftliche Leben erlaubt ist. Sie bewirkt Spannung und ist eine Kraft, die den Menschen auch vernichten kann. Als Beispiele überliefert die Geschichte die Namen derer, die sich aus Scham den Tod gegeben haben. In der abendländischen Geschichte sind es einige, in der chinesischen unzählige.