Von einer chinesischen Bekannten, die in der Kulturrevolution zur Arbeit in die Fabrik geschickt worden war, hörte ich die Geschichte einer jungen Arbeiterin, die ein Verhältnis mit einem verheirateten Arbeiter hatte; seine Familie lebte weit entfernt auf dem Lande, und er sah seine Frau höchstens einmal im Jahr für ein paar Tage. Die Betriebsangehörigen hatten den Verdacht, daß die Arbeiterin und er miteinander schliefen. Doch das Mädchen und der Mann leugneten. Man glaubte ihnen nicht. Unter den Arbeitskollegen, und vor allem den Kolleginnen, baute sich eine hysterische Stimmung auf. Man lauerte den beiden auf, spürte ihnen nach, und die Volksmiliz beobachtete sie unauffällig. Schließlich gelang es ihr, die beiden eines Nachts zusammen im Bett zu überraschen. Sie wurden festgenommen und in die Fabrik abgeführt. Das Sicherheitsbüro des Betriebes verhörte sie tagelang mit Genuß und ließ sich alle Einzelheiten erzählen, die dann unter der Belegschaft weiterverbreitet wurden. Die beiden durften nicht nach Hause gehen, wurden in der Fabrik isoliert untergebracht und mußten dort übernachten, bis die Vernehmungen beendet waren. Beide erhielten Verwarnungen.

Damit war aber die Angelegenheit für die beiden nicht ausgestanden. Der junge Mann hatte Gesicht verloren. Man lachte über ihn. Nichts ist verletzender, als Zielscheibe des Spottes, Gegenstand des Gelächters zu sein, dem man nicht entfliehen kann. Wir wissen aus isländischen Sagas, daß Spottgedichte einen Mann so treffen konnten, daß er außer Landes gehen mußte. Der Arbeiter in China hatte diesen Ausweg nicht.

Noch schlimmer dran war das Mädchen. Als sie nach Hause kam, wurde sie von ihrem Vater verprügelt. Sie war Mitte zwanzig. Dann wurde sie aus dem Haus gewiesen. Die Familie wollte mit ihr nichts mehr zu tun haben. Sie war mit einem Makel behaftet, den sie nie wieder würde tilgen können. Sie mußte mit der Schande in der Gesellschaft leben. Sie war einer Arbeitseinheit zugeteilt. Die Einheit ließ es nicht zu, daß sie sich entfernte, um Arbeit in einem anderen Teil des großen Landes aufzunehmen, wo niemand sie kannte. Wo sollte sie Anschluß, wo sollte sie Zuflucht suchen, nachdem die Familie sie verstoßen hatte?

Wie die Geschichte ausgegangen ist, weiß ich nicht. In der Regel enden sie mit Selbstmord. Wo Scham lebendig ist, sind die Sanktionen der Gesellschaft gegen den, der Schandhaftes begangen hat, härter als die Strafen in Gesellschaften, wo allein die Gesetze herrschen.

Manche Kaiser gingen mit ihren Ministern und Hofbeamten nicht sehr zart um, sie ließen sie, wie wir schon gehört haben, kastrieren, zweiteilen, vierteilen oder einfach köpfen. Zarter besaitete Kaiser wandten solche kruden Mittel nicht an. Allenfalls sandte der Sohn des Himmels dem mißliebigen Beamten den bailing, den weißen Seidenstreifen, die Seidene Schnur, deren der Beamte sich dann selbst bediente, im Einklang mit Sitte und Anstand.

Der General Nian Gengyao hatte sich um das Reich sehr verdient gemacht, war dem Kaiser treu ergeben, konnte aber Verleumdungen nicht entgehen. Der Kaiser Yongzheng (1723-1735) wollte sich seiner entledigen. Er sandte ihm einen langen, literarisch gefeilten und hochpolierten Abschiedsbrief mit dem Seidenen Streifen als Anlage. Am Schluß des Briefes schrieb der Sohn des Himmels: „Als ich dieses Staatsdokument, meinen Brief, noch einmal überlas, habe ich bitterlich geweint. Indessen als Herrscher über alles, was unter dem Himmel ist, muß ich Belohnungen und Strafen gerecht austeilen. Ich erlasse Ihnen aber die Strafe der Enthauptung und gewähre Ihnen die Gunst, freiwillig in den Tod zu gehen. In meiner verschwenderischen Großmut und gnädigen Nachsicht habe ich das Leben aller Ihrer Familienangehörigen verschont, mit einer einzigen Ausnahme.

Sie müßten Stock oder Stein sein, wenn Sie, selbst im Angesicht des Todes, unterließen, Tränen der Freude und der Dankbarkeit über diese Wohltaten zu vergießen, mit denen ich, Ihr Kaiserlicher Herr, Sie noch bis zuletzt überschütte.“