Von Kurt Sontheimer

Die besten Autoren gehören oft auch zu den fleißigsten. Zwar ist der bloße Fleiß sicherlich keine notwendige Bedingung für ein großes Werk, aber es ist nicht zu übersehen, daß – zumindest in der Wissenschaft – Produktivität und Qualität häufig zusammenfallen. Dies gilt fraglos für einen der auch international angesehensten deutschen Historiker und Politologen, den Bonner Professor Karl Dietrich Bracher. Von ihm gibt es zwei Typen von Arbeiten: zum einen die großen Monographien und Gesamtdarstellungen, die sein Ansehen als Wissenschaftler begründet haben, zum anderen die Aufsatzsammlungen. Von ihnen gibt es bereits drei, sie sind nun durch eine vierte ergänzt worden:

Karl Dietrich Bracher: "Geschichte und Gewalt. Zur Politik im 20. Jahrhundert"; Verlag Severin und Siedler, Berlin 1981, 344 S., DM 38,–.

Natürlich können Aufsatzsammlungen nicht so geschlossen sein wie eine Monographie oder eine historische Gesamtdarstellung. Aber ich finde die vorliegende, gut gegliederte Edition nicht nur nützlich, weil sie verstreute Beiträge zusammenfaßt und in einen übersichtlichen Zusammenhang bringt, sondern auch wichtig, weil der Bracher der siebziger Jahre den Deutschen von heute Wesentliches zu sagen hat.

Ganz offensichtlich hat Bracher nämlich ein Stück seines von Skepsis nie ganz freien Vertrauens in die demokratische Entwicklung der Bundesrepublik verloren. Bracher sieht seit den späten sechziger Jahren, insbesondere seit der Re-Ideologisierung der deutschen Politik im Zusammenhang mit der Studentenrevolte, Gefahren für diese Demokratie heraufziehen, die in mancher Hinsicht denen nicht ganz unähnlich sind, die schon die Weimarer Republik zu Fall gebracht haben. Und dieser bedeutende Historiker des Zusammenbruchs der Weimarer Republik ist wie kaum ein anderer legitimiert, die Frage zu stellen, ob die Deutschen in ihrer demokratischen Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg die Lektionen gelernt haben, die aus dem Scheitern der ersten deutschen Demokratie gezogen werden müssen. Eins der Parallel-Phänomene, das ihn mit Recht beunruhigt, ist das erneute Aufkommen einer Gewaltdiskussion während der siebziger Jahre sowie die immer neuen Versuche, die legitime Gewaltausübung der demokratischen Staaten durch die Anwendung von Gegengewalt in Frage zu stellen. Ein anderes seiner Sorgen-Themen ist eben die Re-Ideologisierung und das daraus entspringende Bedürfnis mancher Gruppen, radikale Veränderungen herbeizuführen oder dem Staat und der Gesellschaft mit dem Gestus der entschiedenen Verneinung zu begegnen.

Bracher sieht in diesen Erscheinungen Anklänge an die Situation der zwanziger Jahre. Er konstatiert das Verblassen der politischen Wertorientierung, die den Wiederaufbau nach 1945 bestimmt haben, und stellt fest, daß die totalitären ideologischen Positionen, die für die Zwischenkriegszeit so bezeichnend waren, heute von neuem im Begriff sind – wenn auch stärker unter linkem Vorzeichen die gemäßigten, auf dem Prinzip der Gewaltenteilung basierenden Grundlagen der liberalen bürgerlichen Demokratie zu überlagern.

Für besonders fruchtbar halte ich Brachers Theorie von der doppelten Zeitgeschichte. Sie besagt, daß in unserem politischen Bewußtsein der Gegenwart zwei zeitgeschichtliche Vergangenheiten gleichermaßen gegenwärig sind: "Mit der Erbschaft des Faschismus und des Nationalsozialismus belastet und von der Stabilisierung des Nach-Kriegs-Provisoriums getragen, stehen wir heute in Deutschland und Europa gewissermaßen unter der Wirkung und im Zeichen von zwei Zeitgeschichten, die tief verschieden und doch nahezu gleich stark, unmittelbar in unser politisches Dasein hineinwirken, einen doppelten Bezugsrahmen unseres politischen Bewußtseins bilden: Die Zwischenkriegszeit seit 1917/18 und die Nachkriegszeit seit 1945 bzw. 1949/50. Unser Leben und Denken ist im Vergleich zu anderen Epochen in einzigartiger Weise von diesem doppelten Bezugsrahmen geprägt; darin liegt, wie mir scheint, das Besondere und zugleich Paradoxe der gegenwärtigen Auseinandersetzung um Richtung und Sinn unserer Epoche."