Von Klaus Viedebantt

In Svaneke gab man uns einen Korb. Einen nur, obschon wir drei Körbe erbeten hatten. „Tut mir leid“, sagte achselzuckend der Fahrradvermieter, „die Körbe verschwinden immer.“ Die Touristen seien wohl nicht die ehrlichsten, fragten wir Touristen den Mann in seinem ölverschmierten Overall. Nein, nein, das sei es nicht, wer Fahrräder leihen will, ist ein ehrlicher Geselle, Er wisse auch nicht, wo die Fahrradkörbe immer blieben. Das sei wohl eine Frage der Ordnung. Aber wir sollten doch froh sein, daß er überhaupt noch Fahrräder habe. „Ihr seid spät dran. Ihr habt zu lange geschlafen“, tadelte er. Jetzt am frühen Nachmittag habe er nur noch ein „erwachsenes“ Rad und zwei Klappräder. Wir nahmen alle drei.

Nein, wir hatten nicht verschlafen. Wir waren am Tag zuvor mit unserem gemieteten Segelschiff in Bornholm angekommen und hatten im Hafen von Rønne festgemacht. Gewiß, wir hatten abends noch einen kräftigen Schluck auf unsere Einkehr auf Dänemarks östlichster Insel genommen – schließlich hatten die zwei Segelignoranten in unserer Crew (ich bin einer der beiden) in ihrer Nachtwache das Boot mit Eifer auf Bornholm-Kurs gehalten. Es muß knapp vor den DDR-Hoheitsgewässern gewesen sein, als einer unserer Nautiker die Wache übernahm und das Schiff entsetzt auf Nordkurs herumwirbelte.

Aber dennoch, wir hatten nur in Maßen gefeiert. Denn wir wollten ja ein mächtiges Programm absolvieren am folgenden Tag: eine Radtour von Svaneke zur Ruine Hammershus über die Küstenstraße. Mit ein paar Abstechern ins Landesinnere sollten es knapp 45 Kilometer sein, hatten wir errechnet.

Zwei Mitgliedern unserer Bootsbesatzung, die sich seelisch bereits auf eine Weltumseglung rüsteten, war die Radstrampelei zu strapaziös. Sie wollten die Ostküste Bornholms im Mietwagen erkunden. Das war uns recht, zur Fahrt quer über die Insel bis Svaneke nisteten wir uns ein in ihrem Auto, insbesondere, da sie unterwegs jenen Zwischenstopp einlegten, der auch auf unserer Route stand: Lilleborg. Und dieser geplante Viertelstundenstopp hatte uns den Vormittag „gekostet“. So sehr hatte uns Lilleborg gefallen. Die einstige Festung, fast genau in der Inselmitte gelegen und von vielen Reiseführern nur ob ihrer Historie mit ein paar dürren Worten bedacht, ist ein fast poetisch verwunschener Ort.

Doch zuerst die Pflicht: Die „kleine Burg“ wurde etwa Mitte des 12. Jahrhunderts vom Bornholmer König gegründet. Sein Widerpart, der Erzbischof von Lund, ließ Zeit die Arbeiten an seiner Festung Hammershus beginnen. Lilleborg hatte nur ein gutes Jahrhundert Bestand. 1259 erstürmte Jaromir von Rügen, der einerseits als Wendenfürst und andererseits als Piratenhäuptling galt (er war wohl beides), die Zinnen von Lilleborg, metzelte die Besatzung der Burg dahin und ließ ihre Mauer schleifen. Lilleborg geriet in die Vergessenheit eines großen Forstes, der rings um sie und schließlich über sie hinwegwucherte. Erst 1820 wurde die Ruine am kleinen Borresee wieder freigelegt – aber glücklicherweise nur ein bißchen. Und nun kommt die Poesie ins Spiel.

Die Mauerreste über dem See liegen in einem weiten, nichtgrünen Talkessel, in dem man das ansonsten allgegenwärtige frische Inselgefühl nicht mehr spürt. Es ist der einzige Platz Bornholms, ohne diesen sanften Geruch vom Meer, ohne diesen ständigen, raschelnden Windzug. In dem Waldesrund rings um die alte Burg herrscht die Stille eines flirrenden Sommertages, auch wenn es erst Frühling oder schon Herbst ist. Die Seerosen im Teich, die überwucherten Felsen, die Ruhe verströmenden Wälder – sie haben uns verharren lassen in Lilleborg.