Hervorragend

„Eickendorfballade“. Vermutlich fänden die beiden Musiker selber, es tätige nichts, über das k im Titel ihrer originellen Schallplatte zu grübeln; es führt nicht weit, vielleicht führt es in die Irre, aber es macht Spaß – und dann vergißt man es, weil einen längst die Musik zu packen begonnen hat, eine sehr eigenartige Musik. Zwar sind die Klänge, die hier erzeugt werden, nicht neu, wohl aber ist es die Art, wie die Musiker mit ihnen umgehen, sie kombinieren, damit spielen – man merkt, daß sie ihre Musik mit großer Lust machen. Der eine ist Achim Knispel, der hier eine Vorliebe für resonanzarme, sehr trockene, spitze Gitarrentöne hat; nur manchmal läßt er sie voll klingen. Der andere ist Willi Kellers, ein rechter Perkussionist, der sich nicht mit Trommeln und Becken begnügt, sondern allerlei anderes Schlagwerk bemüht, auch seine Stimme, vor allem aber ein Vibraphon, das desto heller strahlt, je flacher, je gedämpfter die Gitarrentöne dahinrasen. Es rasselt, wirbelt, zischelt, trappelt und jammert, es pfeift, und es nadelt, daß man es auf der Haut zu spüren meint. Knispel und Kellers ereifern sich in spannenden, rhythmisch raffiniert verflochtenen Dialogen, zu denen sie manche heftige Nebenstimme hinzuerfinden. Sie lieben erregende Steigerungen, gebrauchen gern motivische Crescendi und geben sich auch mal genießerischen Duetten mit Gitarre und Vibraphon hin. Ihr Melodie-Material ist. sehr eigenwillig, aber ihre „freie Musik“ läßt viel Form-Ehrgeiz erkennen. Wie oft man sich auch in diese bewegte Klangwelt begibt – ein bißchen geheimnisvoll bleibt sie. (Bellaphon/FMP 0910)

Manfred Sack

Inzüchtig

Nichts: „Tango 2000“. Can und Kraftwerk, Nina Hagen und Udo Lindenberg könnten eigentlich eine Stiftung zur Förderung der sogenannten „neuen deutschen Tanzmusik“ gründen. Zur ideellen Förderung, versteht sich, denn an Geld mangelt es vielen Bands dieser Richtung wirklich nicht, seit sie mit zweit- und drittklassigem Epigonentum, musikalischer Inzucht, phantasielos monotonem Minimal Rock und einer oft gar nicht mehr witzigen Sprechblasen-Lyrik so erfolgreich wurden. Nichts auf dem neuen „Nichts“-Album ist auch nur irgendwo originell, von anderen neuen „Kieskdohlen“ unterscheidet sich die Star-Vokalistin des Düsseldorfer Quartetts gleich um gar nichts, und lachen kann nach so viel Ideal & Co. über genialische Zitate wie „Oh, wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß“ (Songverse aus „Lieber Anonym“) wohl nur noch jemand, dem der Konsum von zu viel neuer deutscher Welle das Hirn aufgeweicht hat. Diese neuen deutschen Weichmacher zwingen Rockverstand raus und... nichts rein! Das letzte Stück der nach bewährten Mustern gestrickten Platte denunziert noch einen armen Fan und Nichts-Konzert-Besucher, der spielt, was die Band selber musizieren sollte: lieber nichts. (WEA 58 430) Franz Schöler