Von Susan Sontag

Wir sind heuteabend zusammengekommen, um unsere Solidarität mit dem polnischen Volk zu bekunden, das gegenwärtig unter einem Regime leben muß, welches man, soll das Wort noch irgendeinen Sinn haben, nur faschistisch nennen kann.

Der Protest gegen die Schändlichkeit der Jaruzelski-Junta ist eine Position, die einzunehmen nicht schwerfällt: Kein Sentiment schwimmt weniger gegen den Strom der Zeit. Solidarität mit Polen, Solidarität mit "Solidarność" – es ist eine Parole, die Dutzende von Regierungen in der reichen Welt ausgegeben haben, die seit Mitte Dezember auf öffentlichen Versammlungen in jeder größeren westeuropäischen Stadt und einigen Städten Nordamerikas wieder und wieder zu hören ist.

Die Frage ist legitim: Was bezweckt diese Versammlung? Unsere Stimme in den Chor der Empörung einzubringen? Ich offeriere diese Hypothese ohne jede Ironie. Vielleicht tun wir ja eben dies – und mit vollem Recht. Aber nach meinem Verständnis verfolgen diejenigen, die das heutige Treffen organisiert haben, und auch die meisten der Sprecher ein anderes Ziel. Natürlich verurteilen wir die Zertretung der demokratischen Bewegung in Polen. Doch wir wünschen uns in dem Chor tugendhafter Empörung auch von anderen zu unterscheiden; eine andere Unterstützung für Polen ins Spiel zu bringen, als etwa Reagan, Haig und Thatcher sie anzubieten haben.

Mit diesem Ziel stimme ich völlig überein, sonst spräche ich hier gar nicht. Einer der vielen hervorragenden Gründe, die Reagan-Regierung zu verabscheuen, ist der, daß ihre Unterstützung für die demokratische Bewegung Polens durch und durch scheinheilig ist. Als Bürgerin dieses Landes kann ich nicht umhin, gerade Reagan herauszugreifen – Reagan, den Gewerkschaftsknacker, Reagan, dessen Marionetten die Schlächter von El Salvador sind. Doch es sollte nicht vergessen werden, daß die gesamte wirtschaftliche und politische Führungsgarde im kapitalistischen Europa und Nordamerika eine erhebliche Mitschuld an dem trägt, was in Polen geschah. Polen wurde nicht nur von einem von der Sowjetunion dirigierten faschistischen Coup in die Knie gezwungen, von russischen Panzern mit zum Sei ein polnischen Kennzeichen. Banken und Panzer haben Polen zugrunde gerichtet, banks and tanks, um die Formulierung meines Freundes Jossif Brodskij zu gebrauchen. Die polnischen Schulden werden weiterhin von den westlichen Regierungen finanziert, Getreide wird weiter an die Sowjetunion verkauft, die französische Regierung – unter all den heuchlerischen Regierungen die redseligste – unterzeichnete wenige Wochen nach den polnischen Ereignissen einen wichtigen Handelsvertrag mit der Sowjetunion. Mit anderen Worten, die Geschäfte gehen weiter wie bisher. Auf dem Kennedy-Flughafen werden der Aeroflot und der LOT die Landerechte verweigert, den in den Vereinigten Staaten akkreditierten Diplomaten werden Reisebeschränkungen auferlegt, die Kulturbeziehungen werden beschnitten ... Das sind die Vergeltungsmaßnahmen, mit denen die westlichen Demokratien die Versklavung Polens beantworten. Das ... und dazu eine Menge Rhetorik.

Wir hier fügen unsere Rhetorik der Lawine weiser Worte über Polen hinzu – doch wie gesagt in der Hoffnung, daß sich unsere Position von den offiziellen Heucheleien unterscheidet. Ebenso möchte ich aber hoffen, daß unsere Opposition gegen bestinmte Verhältnisse diesseits der Grenze, die Kapitalismus Und Kommunismus trennt, nicht selber zu gewissen Heucheleien und Unwahrheiten verleitet.

Ich habe den Eindruck, daß viel von dem, was die sogenannte demokratische Linke, zu der viele der hier Versammelten gehören, zur Politik zu sagen hatte, von dem Wunsch geleitet war, auf keinen Fall "reaktionären" Kräften in die Hände zu spielen. Diese Überlegung hat viele Linke dazu gebracht, absichtlich oder unabsichtlich der Lüge zu dienen. Wir waren nicht bereit, uns als Antikommunisten zu identifizieren, weil das doch der Wahlspruch der Rechten war, die Ideologie des Kalten Krieges und insbesondere die Rechtfertigung für Amerikas Unterstützung der faschistischen Diktaturen Lateinamerikas und des amerikanischen Krieges gegen Vietnam. (Die Geschichte beginnt natürlich viel früher, im Europa der ausgehenden zwanziger Jahre, mit dem Aufstieg des Faschismus, dessen Hauptkriegsruf Antikommunismus hieß.) Die antikommunistische Position schien bereits von jenen eingenommen, die zu Hause unsere Gegner sind.