Ein schwäbischer Handwerker, Kunstschreiner, hat seine Arbeit getan. Er zieht die letzten Schrauben fest, legt das Werkzeug weg, streicht mit den Fingern noch einmal vorsichtig, ja liebevoll übers Holz. Dann reckt er die Glieder, lächelt dabei, dann hockt er sich auf den Boden, ruht sich aus, döst zufrieden vor sich hin.

Die undramatische Szene ist die dramatischste in einem Theaterstück, das man ein Theaterstück nur zögernd nennen möchte: In Bochum wurde „Johann Georg Elser – ein deutsches Drama“ von Peter-Paul Zahl uraufgeführt, Inszenierung Alfred Kirchner, Titelrolle Martin Schwab. Die Arbeit, die der deutsche Handwerker zu seiner offenkundigen Zufriedenheit abgeschlossen hatte, ist ein Attentat: Im November 1939 baut der Kunstschreiner Johann Georg Elser aus Schnaitheim in eine Säule des Münchner Bürgerbräukellers eine Zeitbombe mit über fünfzig Kilogramm Sprengstoff ein. Objekt des Anschlags ist Adolf Hitler, der auch an diesem 8. November beim alljährlichen Münchner Veteranentreffen auftreten wird. Die Bombe funktioniert erstklassig – doch das Attentat mißlingt. Hitler hat den Bürgerbräukeller einige Minuten früher als geplant verlassen. Zu Tode kommen alte NS-Kämpfer, eine Kellnerin, also schlichte Leute wie Elser selber, kein einziger Mächtiger. Elser wird an der Schweizer Grenze verhaftet, der Tat überführt, ins KZ geschafft – dort lebt er als „persönlicher Gefangener des Führers“ bis kurz vor Schluß des Krieges. Am 9. April 1945 wird er von den Nazis ermordet.

Es bedarf eines nur geringfügigen theaterkritischen Scharfsinns, um die Mängel von Zahls erstem Stück, einer Anfängerarbeit also, festzustellen. Noch erfindet Zahl keine dramatischen Situationen – er sammelt Material, er schreibt Texte, für die er dann einen dramatischen Vorwand sucht. Seine Szenen leben nicht – sie führen ein Vorhaben aus. Zahls Figuren sind, weniger Menschen als Sprecher: Funktionäre eines pädagogischen und dramaturgischen Planes. Die meisten Szenen sind so konstruiert: einer redet ausschweifend, die anderen stehen dazu herum – sind nicht die Partner des Sprechenden, nur sein Publikum. Ein Rede-Drama, in dem Elser allein dadurch, daß er zumeist schweigt, die dramatischste Figur wird.

Und trotzdem: wie Alfred Kirchners eindrucksvolle Bochumer Inszenierung, wie das große, glänzende Bochumer Ensemble beweist, ist Zahls „Elser“ zwar. kein Drama, doch ein tauglicher Theatertext. Er hat, kunstlos, doch seine Eigenart und eigene Qualität Er ist, anders als andere Versuche mit dem Volkstheater in den letzten Jahren, von einer sturen Nüchternheit, geradezu befreiend humor-los.

Keine scharfsinnigen Witzeleien wie in Walsers „Sauspiel“, keine schwitzenden wie in Lodemanns „Ahnsberch“, kein nachgemachter Brecht-Ton. Ein Stück wie der Mann, den es feiert: rechtschaffen, geradeheraus, ohne Lüge.

Ein- Dramatiker ist Peter-Paul Zahl noch nicht – aber wer wie er, verurteilt nach dem alten deutschen Rechtsgrundsatz „im Zweifel gegen den Angeklagten“ seit zehn Jahren im Gefängnis ist, hat tatsächlich Wichtigeres zu tun, als sich mit der Ästhetik des Theaters oder des neuen Volkstheaters zu beschäftigen. Ein Drama ist „Johann Georg Elser“ nicht; aber ein Stück solider dramatischer Kunstschreinerei.

Ulrich Pleitgen spielt den „Führer“. Er sieht Claus Peymann wesentlich ähnlicher als Adolf Hitler. Am nächsten ist er der historischen Figur, wenn er am weitesten von ihr weg ist, wenn er ganz smarter, charmanter Technokrat ist, nicht der große Diktator. Martin Schwab spielt den Einser mit einem wunderbar betrübten, wortkargen, zähen Stolz. Das Geheimnis der Figur enthüllt er nicht. Elser schweigt sich aus, auch vor dem Publikum, und geht schweigsam seinen Weg. Ein großer Schauspieler, eine intelligente Inszenierung – und so am Ende Ovationen für alle, auch für den glücklichen Peter-Paul Zahl. Benjamin Henrichs