Von Manfred Sack

Es war ein schönes, aber, wie wir glaubten, auch ein bescheidenes Ziel, nämlich ein Altstadtviertel zu erneuern, ohne es zu zerstören. Der zum Slogan heruntergekommene "Mensch als Maß des Städtebaus" sollte wieder aufgerichtet werden und über den Stumpfsinn der Planung triumphieren. Vernunft sollte über Vorschrift gesetzt, die plumpe Mechanik ihrer Durchsetzung durch kritische Nachdenklichkeit unterlaufen werden.

Dieses Ziel hatte die ZEIT im Sinn, als sie sich das "Unternehmen Mottenburg" im Hamburger Sanierungsgebiet Altona ausdachte und in Angriff nahm. Sie wollte beweisen, daß die lädierte Stadt wieder bewohnbar gemacht werden kann, ohne daß Menschen deswegen unglücklich, krank, verzagt oder vertrieben würden. Wir hofften, daß dieser Fall Modell werden könnte – übertragbar auf die unzähligen Problemgebiete, mit denen sich alle Städte hier und anderswo herumschlagen. Was inzwischen "Instandbesetzer" auf ihre Weise gegen Kahlschlagsanierung und Luxusmodernisierung unternehmen, wollten wir friedlich durchspielen. Tatsächlich hat das "Unternehmen Mottenburg" weithin viele Erwartungen geweckt. Doch es wurde wie ein Traum von der Wirklichkeit banalisiert und entstellt. Ein Modellfall ist es schon lange nicht mehr. Was ist da geschehen?

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Die Geschichte begann in einer Zeit, als Planer und Politiker, vor allem die großen Wohnungsbaugesellschaften, noch glaubten, die Stadt mit radikalen Therapien sanieren, "heilen" zu können: erst Abriß, dann Neubau. Es war ihnen gleich, ob Menschen ihre alte Wohnung und die gewohnte Umgebung, ihre Heimat verlören – schnell und billig mußte es sein. Obendrein unterwarfen sie alle "Betroffenen" ihrer Doktrin von "Wohnqualität" und setzten mit missionarischer Blindheit "Licht, Luft und Sonne" über die beruhigende Vertrautheit, die eine noch so schäbige Umgebung hervorzurufen vermag.

Was also lag näher, als diesen längst in Gedankenlosigkeit erstarrten Prinzipien zu widersprechen und Sanierung auf eine andere Weise zu probieren, nämlich: die Stadt zu erneuern, ohne sie erst niederzulegen? Wir weigerten uns zu glauben, daß Stadterneuerung immer wieder zu sozialen, architektonischen, städtebaulichen Katastrophen führen müsse. Uns trieb aber auch die Lust, einmal nicht über vollendete, unveränderliche Tatsachen zu lamentieren oder zu jubeln, sondern über einen Vorgang zu berichten – und das hieß auch, ihn in Gang zu setzen.

Es bot sich ein Fall von geradezu klassischer Alltäglichkeit in einem ganz gewöhnlichen Viertel: Alte Häuser, gegen Ende des Jahrhunderts von Spekulanten hochgezogen, waren zu modernisieren, Baulücken dazwischen mußten mit neuen Wohnhäusern gefüllt, das ganze Gebiet sollte dabei verbessert werden.