Ein wahnsinniges Projekt, eine wahnsinnig schöne Geschichte

Von Ulrich Greiner

Aus der Frühzeit des Films wird berichtet, die Zuschauer seien schreiend aus dem Kino geflüchtet, als eine Lokomotive frontal auf sie zufuhr. Wir wissen heute, daß Kino Illusion ist. Viele Filme setzen dieses Wissen voraus, und es ist derart zu einem Gemeinplatz geworden, daß schon biedere Reklamefilme à la Langnese damit spielen. Wie jede Entmythologisierung jedoch hat auch die des Kinos ihren Preis: das Geheimnis ist entzaubert, der Verstand siegt über die Phantasie, das Kalkül über die Naivität. Was das Kino zeigt, ist nur noch Täuschung, und das Interesse speist sich kaum noch aus der Einbildungskraft, sondern es richtet sich auf die technischen Tricks,auf die fabrikmäßige Herstellung des Unwirklichen. Aus dem Regisseur wird der Ingenieur. James-Bond-Filme zum Beispiel fabrizieren genau genommen gar keine Illusion mehr. Wir wissen ständig, daß die unglaublichen Szenen nicht wirklich sind. Und wir bewundern nur noch die Trickkiste.

Der Filmregisseur Werner Herzog gehört zu jenen, die an einer Erneuerung des Kinos durch eine neue Mythologisierung glauben. Er liebt das Abenteuerliche und Geheimnisvolle. Er blickt in die Abgründe der menschlichen Seele, und die Geschichten, die er erzählt, haben einen magischen Gestus, so etwa „Herz aus Glas“ (1976). Es sind Märchen mit oft düsteren Ausgang, zum Beispiel der Kaspar-Hauser-Film (1975) oder „Auch Zwerge haben klein angefangen“ (1970), und sie lassen sich nicht, wie allzu viele Filme heute, auf die Fabel reduzieren. Ihre Stärke liegt in Bildern, die das Schmerzlich-Schöne sprachlos beschwören. In seinem Film „Fata Morgana“ (1971) sehen wir endlose, fremdartige Wüstenlandschaften und hören dazu die Worte: „Hier ist zu berichten, wie die Welt einst in tiefem Schweigen schwebte, in tiefer Ruhe schwebte, in Stille verharrte, sanft sich wiegte, einsam dalag und öde war. Nur Ruhe war und Stille und Dunkelheit und Nacht.“ Das ist aus dem „Popol Vuh“, dem Schöpfungsbericht der Quiche-Indianer.

Herzog begnügt sich jedoch nicht damit, alte Mythen zu zitieren. Er will sie selber leben. So sucht er denn das Archaische und Ursprüngliche am Rande der Zivilisation, er stürzt sich in Abenteuer und Gefahren, die selber mythische Qualität haben. 1976; als der Vulkan La Soufriere auf der Insel Guadaloupe kurz vor einer Eruption zu stehen schien und die Bewohner der umliegenden Ortschaften evakuiert waren, reiste Werner Herzog mit dem Kamerateam an und filmte die gespenstisch leeren Straßen. Er stieg sogar auf den Berg hinauf und drang so weit vor, wie es die erhitzte Erde und die Schwefeldämpfe irgend zuließen. Er brachte sich und das Team bewußt in Lebensgefahr, um den Augenblick zu filmen, in dem die vulkanischen Kräfte aus der Tiefe hervorbrechen würden. So etwas hat Herzog öfter getan, und deshalb halten ihn manche Leute mit einem rigiden Normalitätsbegriff für verrückt. Verrückt Herzog insofern nicht, als er es mit einer zwingenden Logik ist: Er duldet keine Differenz zwischen Illusion und Wirklichkeit. Die gefilmte Realität ist die Realität des Films, und folglich sind selbst seine Spielfilme eigentlich Dokumentarfilme. Wenn Herzog, einen Film dreht, dann sind die Dreharbeiten mindestens so abenteuerlich wie der Film selber.

„Fitzcarraldo“ ist abenteuerlich. Die Nachrichten, die aus dem peruanischen Dschungel nach Europa drangen, klangen unglaublich, und der Film hatte schon eine Geschichte, bevor er seine eigene erzählen konnte: die Geschichte eines Kautschuk-Barons, der, um Stromschnellen zu umgehen, ein Schiff durch den Urwald schleppen ließ. Zeitweise ging es gar nicht mehr um „Fitzcarraldo“, sondern nur noch um die Dreharbeiten zu einem Film, von dem niemand wußte, ob er je zustande kommen würde. Es fing damit an, daß der ursprünglich vorgesehene Hauptdarsteller Jack Nicholson, als er das Projekt Herzogs richtig begriff, sich zurückzog. Vermutlich dachte er, es sei gesünder, einem anderen bei diesem selbstmörderischen Unternehmen den Vortritt zu lassen. Dieser andere hieß Jason Robards. Mit ihm und Mick Jagger begann Herzog im Amazonasgebiet zu drehen, unterstützt von einigen tausend Indianern. Da wurde Robards schwer krank und floh in die USA. Mick Jagger hatte keine Zeit mehr, und so mußte Herzog von neuem anfangen, diesmal mit Klaus Kinski.

Dann hörte man, Indianer hätten das Camp des Filmteams überfallen und in Brand gesteckt. Amnesty International schaltete sich ein, einige den Indianern freundlich gesonnene Institutionen warfen Herzog vor, er beute die Indianer aus, zerstöre ihr soziales Gefüge und verhalte sich nicht anders als eben jener historische Fitzcarraldo, der aus Geldgier die Indianer in die Fron genommen hatte. Der Vorwurf traf Herzog tief, und er verteidigte sich mit Erfolg. Amnesty hat inzwischen die Anschuldigungen widerrufen.