Poetisch

„Feuer und Schwert“ von Veith von Fürstenberg (Buch: Max Zihlmann) nähert sich der Legende von Tristan und Isolde mit Bildern, die den Charakter der Annäherung nicht verbergen. Der Film erzählt und zeigt zugleich an, daß er erzählt. Die Legende von Tristan und Isolde, das ist die Legende einer Liebe, die alle Hindernisse mißachtet und sogar im Tod nicht endet, es ist die Legende einer Liebe, die alles andere unwichtig macht: die Tugend, die Ehre, die Ritterpflicht, schließlich sogar Tristans Freundschaft zu König Marke und Isoldes Ehe mit dem König. Es geht aber weniger um die geschlossene Illusion einer großer Liebe, es geht eher um die Vorstellung der Zeichen, die solch eine Leidenschaft begreifbar machen, um Zeichen, die den Prunk der Gefühle kontrastieren mit der Armut der äußeren Welt. Es geht um Mimik und Gestik. Die bezeichnen die überwältigenden Gefühle. Und es geht um Schauplätze, um Architektur und Dekor. Die reden vom realen Zustand der Welt, von Burgen, die schon verwittert, von Räumen, die karg ausgestattet sind, und von Ritterrüstungen, die nicht schützen, sondern nur laut scheppern. Die Kamera akzentuiert das inszenierte Geschehen, sie bleibt in den Bildern stets spürbar. Manchmal verweilt sie schier endlos auf den Gesichtern, manchmal bleibt sie lange in der Distanz und eröffnet den Figuren größere Handlungsräume, und manchmal wechselt sie sehr abrupt von einer Total- in eine Detaileinstellung. „Poetisch“ nannte es Pier Paolo Pasolini, wenn ein Film „die Kamera spüren“ läßt. Es ist eine Poesie, die nicht vom Inhalt, nicht von der Handlung des Films kommt, sondern von seiner Sprache, von der Technik seiner Sprache. Norbert Grob

Dramatisch

„Das Verhör“ von Claude Miller. Lino Ventura, im gegerbten Gesicht Zweckrationalität und Staunen, und der weiche, blasse Michel Serrault reden eine Nacht lang über Hunde, Regenmäntel, Nebelhörner, das heißt über Indizien. Keine Frage, wer der Bulle ist und wer der Verdächtige. Dynamik entsteht in der bekannt sterilen Atmosphäre französischer Film-Polizeibüros durch das Wechselspiel zwischen Verhör und intimer Analysesituation. Beweise, Geständnisse sind das eine, Gefühle, Selbsterkenntnisse, Bekenntnisse das andere – das ist die Subgeschichte des Films. Das auslösende Schreckliche wird herbeizitiert: in Tatort-Tableaus die Sexualverbrechen an zwei kleinen Mädchen, in die der sarkastische Notar verwickelt zu sein scheint; in der verbalen und visuellen Metapher vom Flur, in dem ihn seine Frau (Romy Schneider) zehn Ehejahre lang frustierend stehenließ; in der als Schuldindiz gemeinten Beobachtung von Romy Schneider, die einst unterm Weihnachtsbaum ihren Gatten bei einem kleinen sentimentalen Geheimnis ertappte. Sichtbare Beweise klären am Ende per Zufallsdramaturgie die Schuldfrage. Der Polizeiverstand kombiniert und die Handlungslogik funktioniert wie ein Resultat des Männergesprächs: einer, der seinem Gegner so bewundernswert treffend begegnet, kann so schlecht nicht sein, eher ein bißchen untergründig. Der dramatische Rest der inneren Verstrickungen bleibt unaufgestört, bloß angedeutet über den Glaubwürdigkeitsbonus der Stars. Romy bleibt wortwörtlich im Dunkeln, die Rückblenden zu ihrer Schlüsselerzählung von Blick-Erotik und Onkelliebe sind plausibel wie Reklamespots. Nutzt sie ihre Beobachtung als Vorwand oder rächt sie sich für, ja wofür? Ihr Ehetrauma wird über den bloßen Verweis auf eine bourgeoise Herkunftsadresse und ihre Kinderlosigkeit als zwangläufig ausgegeben (vielleicht eine französische idée fixe, die als Anspielung schon wirkt?). Und schließlich veranlaßt sie, ganz Chiffre von der unergründlich Zerstörerischen, Lino Ventura zu einem weiteren festfrierenden, väterlichen Stirnrunzeln.

Claudia Lenssen

Empfehlenswerte Filme

„Das letzte Loch“ von Herbert Achternbusch. „Schnee“ von Juliet Berto und Jean-Henri Roger. „Ganz normal verrückt“ von Marco Ferreri. „Rette sich wer kann (das Leben)“ von Jean-Luc Godard. „Arthur – Kein Kind von Traurigkeit“ von Steve Gordon. „Der Profi“ von Georges Lautner. „Mein Essen mit André“ von Louis Malte. „The Bronx“ von Daniel Petrie. „Duell in der Sonne“ von King Vidor. „Der Mann ans Eisen“ von Andrzej Wajda.