Von Klaus-Peter Schmid

Die Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit auf vierzig Stunden und die Verlängerung des Urlaubs auf vier oder gar sechs Wochen haben sich die Arbeitnehmer in vielen Industrieländern mit oft langen Streiks erkämpfen müssen. Auch in Frankreich haben die Gewerkschaften mehr Freizeit notfalls durch Arbeitskämpfe erzwungen. Doch jetzt, als die Regierung die Verkürzung der Arbeitswoche auf 39 Stunden und die fünfte Urlaubswoche per Dekret verfügte, reagierten Frankreichs Werktätige geradezu paradox: Sie antworteten auf die amtlich verordnete Freizeit mit Streiks.

Am spektakulärsten geriet der Aufstand der Zöllner: sie blockierten Grenzübergänge und Flughäfen. Auch in den Kaufhäusern Printemps und Galeries Lafayette legte das Personal die Arbeit nieder. Ähnlich reagierten die Beschäftigten des staatlichen Musterbetriebes Renault, von Kodak sowie beim Eisfabrikanten Motta, in der Porzellanmanufaktur von Limoges und in Dutzenden anderer Betriebe.

Kein Zweifel: Irgend etwas ging gründlich schief, als die Pariser Regierung mit Wirkung vom 1. Februar kürzere Arbeitszeit und längeren Urlaub verordnete. Was der kühne Aufbruch zur 35-Stunden-Woche werden sollte, geriet zum "39-Stunden-Schlamassel" (Nouvel Observateur).

Streik und Streit wurde vor allem durch die Sorge vieler Arbeitsnehmer ausgelöst, die neue sozialistische Errungenschaft könnte sie um bereits erkämpfte Vorteile bringen. Die Zöllner beispielsweise waren schon bisher nur pro forma 40 Stunden im Dienst; die Fahrzeit vom und zum Arbeitsplatz am Schlagbaum wurde großzügig angerechnet. Die effektive Arbeitszeit lag deshalb oft bei 35 Stunden oder gar darunter. Als die Zöllner davon jetzt erneut eine Stunde abziehen wollten, um ihre alten Privilegien zu retten, spielte die Regierung nicht mit. Die Beamten machten die Grenzen dicht.

Ähnlich reagierten die Mitglieder der Galeries Lafayette. Hier gibt es seit Jahren Sonderurlaub für lange Betriebzugehörigkeit oder unangenehme Arbeit (etwa im Kellergeschoß). Mit der fünften Urlaubswoche, so argumentierte die Betriebsleitung, seien die alten Extras hinfällig. Die Belegschaft sah es anders und streikte für die Erhaltung ihres sozialen Besitzstandes. Bei Renault im nordfranzösischen Maubeuge hatten es die Fließbandarbeiter satt, ständig über die Zeit zu malochen: im Durchschnitt 42 Stunden statt der im Tarifvertrag vereinbarten 37. Der Unwillen mündete in Streik, als die Regierung 39 Stunden dekretierte und damit den Renault-Arbeitern ihre Situation erst richtig klar machte.

Daß die Basis nicht mit Jubel, sondern mit Protestaktionen auf die Einlösung eines Wahlversprechens reagierte, hat die Regierung ihrer Großzügigkeit zuzuschreiben. In ihrer Verordnung steckte sie nämlich für Urlaub wie Arbeitszeit nur einen Rahmen ab, den die Sozialpartner selbst ausfüllen sollten. Das galt nicht zuletzt auch für die Frage, ob die kürzere Arbeitszeit auch zu einem geringeren Lohn führen oder bei unverändertem Einkommen gelten sollte.