Von Gerhard Spörl

Köln, im März

Stolz schaute William Bonn um sich: „Ist das nicht herrlich?“ Die Kölner Volkshochschule war schon vollbesetzt, immer noch drängten am Wochenende junge und alte Liberale in das Audimax, um beim Gericht über die FDP dabei zu sein. „Die haben uns unterschätzt“, davon war Borm bereits vor Beginn überzeugt. „Und wie sich das auswirken wird...“ Der Jungdemokrat an seiner Seite hegte daran keinen Zweifel: „Ich hab’ schon gehört, wie gut Sie in Form sind!“

Kerzengrade und elegant, jeder Zoll ein radikaler Demokrat, stand der sechsundachtzigjährige Veteran dann am Rednerpult und riß die 700 Zuhörer zu Ovationen hin. Er gab ihnen das Selbstbewußtsein zurück: Hier baten nicht einige Außenseiter aus Fraktion und Partei Hans-Dietrich Genscher freundlich um Gehör; nein, die wahren Liberalen boten ihm großmütig die Chance, sich endlich wieder auf linksliberale Anfänge zu besinnen. Seiner Sache sicher rief Borm ins Auditorium: „Liebe Freunde, es ist Zeit zur Besinnung. Es ist Zeit für liberale Erneuerung. Kämpfen wir jetzt!“

Ein kleines Häuflein mit großem Anspruch hatten Borm (Mitglied des Bundesvorstandes), die FDP-Bundestagsabgeordnete Helga Schuchardt und Ex-Judo-Chef Christoph Strässer um sich geschart. Eine Revolte gegen das allseits taktisch denkende, perspektivlose Partei-Establishment? Jeder hatte seine eigenen Motive: Die linken Bundestagsabgeordneten haben es satt, von den FDP-Ministern und den rechten „Canalarbeitern“ weggedrückt zu werden; Genscher und Lambsdorff lassen sich von ihnen nicht reinreden – im Zweifelsfall erzwingen sie Gehorsam. Da muß die Neigung wachsen, sich doch einmal öffentlich aufzulehnen.

Den einfachen Parteimitgliedern sprach Borm, der aufrechte Streiter, aus der Seele, weil viele von ihnen unversehens im Abseits stehen. Plötzlich wenden sich diverse Maler und Makler – wie in Hamburg und Berlin – innig der FDP zu – „gesinnungslose U-Boote“, die den Koalitionswechsel kühl vorbereiten, so argwöhnen die Altgedienten. Diesen Anfängen, so Christoph Strässer, gilt es demonstrativ zu wehren: „Für uns ist es Zeit zur Umkehr... Wir werden die Verantwortung für das Überleben des politischen Liberalismus in diesem Lande übernehmen.“

Selbst ihm mochten Bedenken wegen des hehren Anspruchs gekommen sein, doch Genscher zerstreute sie unfreiwillig. Am Abend vor dem unbequemen Kölner Treffen hatte er die Organisatoren zu sich ins Amtszimmer geladen und um politische Vernunft gebeten. Ein Koalitionswechsel stehe momentan gar nicht zur Diskussion; unzählige Gelegenheiten zum Absprung habe die FDP gehabt und nicht genutzt. Der Kölner Kongreß aber setze das Image der Partei aufs Spiel. Sollten die Liberalen etwa die Sozialdemokraten imitieren, die Einheit der Partei zerreden und in Fraktionen zerfallen?