Von Stefan M. Gergely

Im Gen-Geschäft wächst die Konkurrenz. Japanische Chemiefirmen, allen voran Takeda Chemicals und Ajinomoto, investieren seit kurzem hohe Summen in Anlagen zur großtechnischen Erzeugung von Produkten mit Hilfe genetisch manipulierter Mikroben. Sie werden damit potente Wettbewerber der amerikanischen Genfirmen und der multinationalen Chemie- und Pharmakonzerne wie Hoechst und BASF (Hoechst fördert seit 1981 mit 50 Millionen Dollar die gentechnische Forschung am Massachusetts General Hospital, dem Lehrkrankenhaus der Harvard-Universität; die BASF warf kürzlich fünf Millionen Mark zur Einrichtung eines gentechnischen Forschungszentrums an der Universität Heidelberg aus).

Die Biotechnologen Nippons sind seit langem als Spitzenleute bekannt. Was die Japaner an Grundlagenforschung da und dort noch aufzuholen haben, kaufen sie jetzt ein. Bei der Umsetzung in den industriellen Maßstab (die derzeit weltweit Kopfzerbrechen bereitet) könnten sie aber recht bald die ausländische Konkurrenz überflügeln.

Die internationale Hektik auf dem Gen-Markt kommt nicht von ungefähr: Die Gentechnik ist, wie das britische Wirtschaftsmagazin Economist verkündete, „eine der größten industriellen Chancen des 20. Jahrhunderts“. Prognosen von Marktforschungsfirmen lassen einen Umsatz von mehr als sieben Milliarden Mark im Jahr 1990 erwarten; Voraussagen für die Jahrtausendwende bewegen sich in astronomischen Höhen.

Die hochgespannten Erwartungen sind nicht aus der Luft gegriffen: Die Bauanleitung für körpereigene Substanzen, in der Erbsubstanz Desoxyribonucleinsäure (kurz: DNA) gespeichert, funktioniert in allen Lebewesen gleichartig. Und seit Mitte der siebziger Jahre ist es technisch möglich, den Bauplan etwa für ein kompliziert aufgebautes menschliches Hormon, das auf herkömmlichem Weg nur in Mikrogramm-Mengen isoliert werden konnte, in das Erbgut von Bakterien einzuschleusen. Die solcherart mit menschlichen DNA-Stücken gedopten Mikroben produzieren in der Folge das ihnen anvertraute Hormon, als ob es ihr eigenes wäre. Und zwar schnell: Bei einer Teilungszeit von 20 Minuten entstehen aus einem einzigen Bakterium in nur acht Stunden rund zwanzig Millionen identische Mikroben.

Das Potential der Gentechnik liegt auf zwei Ebenen: Zum einen wird es möglich sein, zahlreiche schon auf dem Markt befindliche Stoffe billiger herzustellen, zum anderen, völlig neue Substanzen zu gewinnen. Den ersten Weg beschreitet Ajinomoto, der Welt größter Hersteller von Aminosäuren (das sind die Bausteine aller Eiweißstoffe) mit einem Marktanteil von weltweit 70 bis 80 Prozent. Nachdem die ersten vier per Gentechnik produzierten Bio-Substanzen wie Insulin oder Wachstumshormon aus amerikanischen und europäischen Labors kamen, liegt der japanische Chemieriese seit November 1980 auf dem fünften Platz: Seinen Gen-Ingenieuren gelang damals zum erstenmal die Produktion einer reinen Aminosäure mit Hilfe manipulierter Mikroben – und zwar von Threonin, das sich mit herkömmlicher Technologie nur schwierig synthetisieren läßt.

In einem Aufwasch lösten die Japaner auch gleich noch andere Probleme, die bislang bei der gentechnischen Großproduktion Schwierigkeiten machten. Kein Wunder wäre es deshalb, wenn Ajinomoto zu den ersten gehörte, die ein per Gentechnik hergestelltes Produkt tatsächlich auf den Markt bringen. Die potentiellen Produzenten des Anti-Virus-Stoffes und möglichen Krebsmittels Interferon hingegen werden noch Jahre warten müssen – nicht, weil sie vielleicht die Probleme der großtechnischen Fertigung nicht schneller lösen könnten, sondern weil umfangreiche Tests notwendig sind, bevor ein neues Präparat auf die Menschheit losgelassen werden darf.