Von Marianne Heuwagen

Sie leben in Los Angeles?“ fragte der Kollege aus Singapur erstaunt. Nach San Franzisko wäre er sofort gekommen, meinte er, aber Los Angeles reizte ihn nicht. Der Umweg über Kalifornien wurde prompt gestrichen.

Keine andere amerikanische Großstadt wirkt auf Besucher so abschreckend, hat unter Touristen aus aller Welt ein so negatives Image wie Los Angeles. Dabei haben die meisten die Stadt selber nicht einmal gesehen. Wer Disneyland und die Filmstudios in Hollywood sehen will, fährt an Los Angeles nur vorbei, sieht nicht mehr als Autobahnen, ein Gewirr aus Zement und Asphalt. Wie soll man auch mit einer Stadt in Berührung kommen, die um das Auto herum konzipiert wurde, mit dem Automobil gewachsen ist? Wer lernt schon gern eine Stadt durch die Windschutzscheibe kennen? In Los Angeles ist das unvermeidbar. Während andere amerikanische Metropolen in die Höhe geschossen sind, ist Los Angeles in die Breite gegangen. Ortsgrenzen zu Nachbarstädten wie Beverly Hills, Santa Monica oder Pasadena sind längst verwischt. Die Stadtregion, die Besucher im allgemeinen für Los Angeles halten, umfaßt 76 ineinander verwachsene Gemeinden. Dieses Greater Los Angeles oder L. A. County ist halb so groß wie Hessen und hat elf Millionen Einwohner. Die Stadt ist schwer faßbar, selbst Angelinos habe ihre Schwierigkeiten. Als Los Angeles im vergangenen Jahr den 200. Geburtstag feierte (die Amerikaner an der Ostküste staunten, daß Los Angeles schon so alt ist), fragte das Festkomitee ratlos: „How do we define L. A.?“ – „Was verstehen wir unter Los Angeles?“

Mehr als die Unübersichtlichkeit schadet dem Image von Los Angeles der ständige Vergleich mit San Franzisko. San Franzisko verwöhnt jeden Besucher mit zauberhaften Ansichten und Aussichten auf die Stadt, das Meer und die Bucht. Keine amerikanische Großstadt ist von der Natur so begünstigt wie San Franzisko: Von drei Seiten vom Wasser umgeben, breitet sich die Stadt am Golden Gate über 49 Hügel aus – selbst Rom wurde nur auf sieben Hügeln erbaut. San Franzisko hat einen Anfang und ein Ende, die Stadt ist überschaubar, greifbar, geradezu zum Anfassen. Jeden Hügel kann man zu Fuß erklimmen oder mit der berühmten Cable Car. Wer auf den Russian Hill oder die Twin Peaks gestiegen ist, wo ihm die Stadt malerisch verträumt zu Füßen gelegen hat, der wird begeistert den Bewohnern von San Franzisko zustimmen, die von ihrer Stadt nur als „THE CITY“ sprechen, so als gäbe es keine andere Stadt auf dieser Welt.

Als ich vor drei Jahren vom Russian Hill in die Hollywood Hills zog, sahen meine Freunde in der Bay Area darin geradezu einen Landesverrat. In San Franzisko wird keine Gelegenheit ausgelassen, dem Rivalen im Süden eins auszuwischen. Nicht einmal in New York wird so verbissen über Los Angeles hergezogen wie in San Franzisko. Diese Wut hat nichts mit Lokalpatriotismus zu tun, viel aber mit Neid.

San Franziskos Blütezeit ist längst vorbei, während Los Angeles gar nicht mehr aufhört zu blühen: Die Staat hat zu viele Facetten, zu viele Reserven. Während des Goldrauschs war San Franzisko zum Wirtschafts- und Handelszentrum an der amerikanischen Westküste emporgestiegen, Los Angeles aber wurde noch um die Jahrhundertwende „Queen of the Cow-Country“ genannt, „Königin des Kuhlandes“. Doch dann kam der Aufstieg. Industrielle aus dem Mittleren Westen hatten das milde Winterklima von Los Angeles entdeckt und ihre Winterresidenzen nach Südkalifornien verlegt. Ärzte in kälteren Regionen der USA schickten ihre Patienten zur Erholung nach Los Angeles (das war vor dem Smog!). Spekulanten trieben schon damals die Bodenpreise in die Höhe. Mitten in Los Angeles wurde Öl gefunden, die Filmindustrie ließ sich in Hollywood nieder. Los-Angeles überflügelte San Franzisko. In Los Angeles leben heute drei Millionen Menschen, und jedes Jahr werden es mehr. In San Franzisko sind es nur noch 655 000, und es werden immer weniger. Jedes Jahr wandern etwa sieben Prozent ab. In Los Angeles liegt die Zuwachsrate noch immer über zehn Prozent. Mit seinen großen Gemeinden an Koreanern, Vietnamesen, Japanern, Iraner, Armeniern, russischen und deutschen Emigranten ist es heute nicht weniger kosmopolitisch als San Franzisko. Los Angeles ist wirklich der Schmelztiegel der Rassen geworden, der dieses Land geprägt hat, auch wenn es mehr ein friedliches Nebeneinander als ein Miteinander ist. Los Angeles ist eine amerikanische Stadt, während San Franzisko ganz bewußt seinen europäischen Charakter beibehalten hat.

Angelinos besuchen ganz gern die Stadt am Golden Gate zum Wochenende, sie mögen San Franzisko sogar, nur leben mögen sie dort nicht: Es ist ihnen zu kalt. Im Gegensatz zu den Einwohnern von San Franzisko, die etwas an Selbstüberschätzung leiden, zeigen die Angelinos geradezu britisches Understatement. Die Stadtlandschaft, die viele ihre Heimat nennen, ist für sie schlicht L. A. Lokalpatriotismus gibt es kaum. Angelinos sind sich der Vorzüge und Nachteile ihrer Stadt voll bewußt: Entfernungen muß in Kauf nehmen, wer hier leben will. Der Smog kommt und geht wie eine Jahreszeit: Im Spätsommer wird es schlimm, dafür ist die Luft im Herbst und Winter sauber und klar. Dann kann man von den Hügeln in Hollywood das Meer sehen, und das Leben in Los Angeles gewinnt jene paradiesische Qualität, die Touristen in der Sommerhitze eher vermissen.