München

Bravo, Herr Wickert, Sie bringen unser weiß-blaues Weltbild wieder in Ordnung. Sie brachten es an den Tag, demoskopisch, wissenschaftlich, statistisch: „Von allen wahlberechtigten Bundesbürgern haben gegenwärtig 53 Prozent eine positive Meinung, wenn sie das Wort ,Preußen‘ hören.“ Die meisten Preußen-Freunde (57 Prozent) fanden Sie in Nordrhein-Westfalen und, ich höre, staune und bin verschämt wie ein Pennäler, dessen heimliche Schwärmerei von der Angebetenen entdeckt wird, auch in Bayern (56 Prozent).

Sollte, so fragt man sich nach der Wickert-Enthüllung, der urbajuwarische Grant gegen Fremdes und Fremde aus dem Norden eine jahrzehntelang verdrängte, sehnsüchtige Liebe sein? Ein Fall gar für den Volkspsychologen?

Daß die Nordrhein-Westfalen die Preußen mögen, ist für uns Bayern wenig verwunderlich, sind sie doch, qua definitione bavarica, selbst Vertreter dieses Stammes. Aber daß wir Bayern ...? Eine Erklärung liegt in der Aufschlüsselung der Wickert-Umfrage. „Weniger geschichtliche Momente“, so steht’s geschrieben, gaben die 3895 Befragten als Grund für die Preußen-Sympathie an, als vielmehr die Tugenden: Korrektheit, Unbestechlichkeit, Pflichterfüllung, Pünktlichkeit, Ordnung, Disziplin. (Die „wenigen negativ Eingestellten“ nannten als Motiv übrigens auch diese Tugenden.)

Jetzt, Herr Wickert, wird es schon klarer. Wir Bayern mögen den Preußen, wenn er sich, pünktlich zur Sportschau, im Trachtenanzug mit korrekt gebügelter Falte zu uns an den Stammtisch setzt, wenn er in norddeutschbayerischem Kauderwelsch über die Disziplinlosigkeit des FC Bayern referiert und nach der dritten Halben sagt, daß unser Bier zu dünn ist. Wir mögen den Preußen, der beim bayerischen Kulturgenuß à la Heimatabend auf „O du wunderschöner deutscher Rhein“ jodelt („Holeraeduljoe“) und nach vollbrachter Tat verkündet: „Ick bin een Baya.“ –

Eine zweite, nicht weniger logische Erklärung wäre mehr mathematischer Natur. Da erstens jenseits der Mainlinie und 30 Kilometer westlich von München die ethnologische Grenze zwischen Bayern und dem Rest der Republik verläuft, zweitens jeder Nichtbayer in der bayerischen Terminologie als Preuße, respektive „Preiß“ bezeichnet wird, drittens also für den Bayern niemand mehr übrigbleibt, dem er, auf bundesrepublikanischem Boden, sonst Sympathien entgegenbringen könnte, folgt, was Wickert bestätigt: dem Bayern bleibt überhaupt nichts übrig, als den Preußen zu lieben – mangels Alternative.

Doch, Gott sei Dank, lügt die Statistik durchschnittlich genauso oft, wie sie die Wahrheit sagt. So reicht ein Fluß, statistisch einen Meter tief, im Amplitudenbereich immer noch aus, daß man darin ersäuft. Was aber, bei aller Liebe, aus bayerischer Sicht nicht weiter schlimm ist, wenn es sich bei dem Opfer um einen Preußen im Trachtenanzug mit Bügelfalten handelt. Karl Forster