Hertha, erhöre uns“, riefen die Innsbrucker Studenten ihr anläßlich einer turbulent verlaufenen Heimeröffnung zu, in typisch österreichischer Mischung von Progressivität, Zynismus und Obrigkeitsdenken. Sie meinten, damit die Frau, die neben dem Sonnenkönig Bruno Kreisky als Wissenschaftsministerin amtiert und seiner Generation angehört, der Generation des Antifaschismus und der ersten sozialdemokratischen Energien; einer Generation, mit der sich der österreichische Nachwuchs so schlecht messen kann.

Hertha Firnberg besticht beim ersten Blick durch ihre Souveränität. Die Vergangenheit bei einer Modezeitschrift hinterließ einen Sinn für elegantes Auftreten, während die monarchistischen Räume, in denen alle Geschäfte des österreichischen Sozialismus heute abgehandelt werden, auch dem Ministerium für Wissenschaft und Forschung eine Aura des Prunks verleihen. Dieser Stil macht den Kontrast zum aktuellen Inhalt nur noch einprägsamer. Denn die Ministerin ist regelmäßig im Zentrum kontroverser Innovationen. Sie holte die moderne Kunst in Form der Ludwig-Stiftung nach Wien; die österreichische Öffentlichkeit, die an neuen Kulturereignissen seit jeher vor allem deren Eignung als Stein des Anstoßes schätzt, konnte sich entsprechend austoben. Sie attackierte die mittelalterliche Feudalstruktur der Universitäten und rief damit aufgebrachte Professoren auf den Plan, die ihrer Entthronung nicht friedlich beizuwohnen gedachten. Vielmehr reagierten sie auf die Reformmaßnahmen mit einer Mischung aus opportunistischer Kooperation und konspirativer Unterwanderung. Ersteres findet bei Empfängen im Ministerium schon optisch seinen Ausdruck; den räumlichen Standort der Ministerin erkennt man sofort an der Mulde, die durch die Masse gebeugten Professorenköpfe entsteht. Magnethaft werden sie angezogen, bilden einen Kreis und verneigen sich japanisch tief vor ihrer 1,60 Meter großen Kontrahentin.

Hertha Firnberg, die das höfische Zeremoniell perfekt beherrscht, versteht sich auch darauf, es genauso perfekt zu durchbrechen, um den Pomp in Grenzen zu halten. Bei einer Professorenbesprechung im Ministerium geriet ein anwesender Wissenschaftler ins Schwärmen beim Gedanken an das Gelehrtenideal des früheren Fernen Ostens. Nicht so eindeutig wie heute, trug er vor, verstanden es die Gelehrten, ganz ihrem Intellekt zu leben. „Sie hatten vier Tische“, erzählte er. „Einen für die Philosophie, einen für die Dichtung, einen für die Naturwissenschaft und einen für die Malerei.“ Hertha Firnberg hörte sich dieses lebensfremde Akademikerideal an und meinte dann knapp, „hoffentlich hatten sie auch einen Tisch zum Essen, sonst wären sie rasch verhungert“.

Die österreichische Presse, die den Mangel an Nachrichten oft durch einen Kleinkrieg zwischen Medien und landeseigener Prominenz zu ersetzen sucht, fühlt sich durch weibliche Politiker immer zu besonderen Niveaulosigkeiten inspiriert, und Hertha Firnberg ist ob ihrer Einmaligkeit ein besonders provozierendes Objekt. Sie müßte es gewöhnt sein, kränkt sich aber immer wieder. Vor allem darüber, daß „die Journalistinnen sich daran genauso beteiligen wie ihre männlichen Kollegen, mit denselben doppeldeutigen Formulierungen, denselben frauenfeindlichen Wortspielen, denselben impliziten Abwertungen“.

Selten sind sie so wenig angebracht. Denn Hertha Firnberg, heute 71, hat sich immer durchgekämpft. Die Tochter aus einer Arztfamilie lernte zu Hause den Wert des politischen Engagements nicht über Ämter und Funktionen, sondern durch individuelle Zivilcourage im kleinen. „In der Nazizeit“, erinnert sie sich, „sollte meine Mutter vom Ortsgruppenleiter das Mutterkreuz verliehen bekommen, weil sie vier Kinder, hatte. Und da hat sie gesagt: ‚Ich hab’ meine Kinder für mich bekommen und nicht für den Führer. Behalten Sie bitte diese Marke.’“ Die Kinder lernten, „daß man nicht schweigen darf“. Die erfahrenen Benachteiligungen als Frau hinderten Hertha Firnberg nicht daran, sich ein fast schon extremes Maß an Objektivitat zu erhalten. Zwar mußte sie ihr ursprüngliches Studium abbrechen, weil der Jus-Professor öffentlich kundtat, er würde keine Frau bei der Prüfung durchkommen lassen („Das einzige Mal, daß ich der Gewalt gewichen bin“); dennoch meint sie, man dürfe sich durch Erlebnisse dieser Art nicht in den Geschlechtsdefätismus stürzen lassen. Gesünder ist es für die eigene Leistungsfähigkeit, „den Fehler zuerst im sachlichen Bereich zu suchen und nicht jede Niederlage darauf zurückzuführen, daß man eine Frau ist“.

Aus ihrer Zeit an der Universität, bei der Zeitschrift und in der Arbeiterkammer weiß sie allerdings, „daß der Nachweis der Leistung bei Frauen immer etwas höher angesetzt wird als bei Männern“. Im eigenen Bereich hat sie aus dieser Erfahrung Konsequenzen gezogen: Jüngste Statistiken zeigen, daß ihr Ministerium von allen die meisten Frauen in qualifizierten Positionen vorzuweisen hat. Und bei Universitätsansprachen läßt sie keine Gelegenheit vorübergehen, um die akademische Frauendiskriminierung zu tadeln und den Professoren statistisch vorzurechnen, wie erfolgreich sie es verstehen, Frauen den Aufstieg zu versperren.

Was sie betrübt, ist die Feststellung, daß auch Frauen ihren wesentlichen Anteil an der eigenen Benachteiligung leisten. Das unsolidarische Vorgehen weiblicher Journalisten ist nur eine Illustration verbreiteter Zustände: „Frauen versprechen sich leider immer noch einen Vorteil für ihre Karriere, Wenn sie irgendwo als einzige Frau eine qualifizierte Stellung einnehmen. Sie glauben, daß sie dann hofiert werden, daß sie schon durch ihr Geschlecht etwas Besonderes sind.“ Taktisch hält Hertha Firnberg das für den fatalen Fehler der Frauen: die mangelnde Solidarität. Zwei Tendenzen stimmen sie besonders nachdenklich: die Bereitschaft, beim ersten Anzeichen einer Tendenzwende den Rückzug anzutreten, und den mangelnden Zusammenhalt, der vor allem auch bei Frauen „an der Macht“ beobachtet werden muß. Mit der momentanen Lage ist sie „nicht zufrieden“, sagt sie, und führt als Beispiel die „Rückzugsbewegungen“ an.