Knapp eine halbe Stunde sprach Präsident Reagan am Mittwoch vergangener Woche vor den schweigenden Delegierten der „Organisation Amerikanischer Staaten“ (OAS) in Washington, um das lange versprochene Hilfsprogramm für Zentralamerika und die Karibik zu verkünden. Dann gab es einen wider Erwarten lebhaften Beifall, den ein Delegierter aus der Karibik später so erklärte: „Wenn man die Peitsche erwartet hat, ist man über ein Stück trocken Brot erleichtert.“

Von einem „Marshall-Plan“ für Mittelamerika, wie er einmal in enger Zusammenarbeit mit Kanada, Mexiko und Venezuela ins Auge gefaßt war, kann in der Tat keine Rede mehr sein. Das amerikanische Angebot – dem der Kongreß noch zustimmen muß – verknüpft eine vergleichsweise geringe Finanzhilfe an einige wenige Staaten mit der erklärten Absicht des Präsidenten, dem kommunistisch-kubanischen Vordringen in Mittelamerika Einhalt zu gebieten und zugleich die Entwicklungsstrategie der Washingtoner Administration (Selbsthilfe durch Förderung privater Investitionen) zum erstenmal in die Praxis umzusetzen: Vernunft und Geschäftssinn der Privatwirtschaft sollen langfristig jenen ökonomischen Aufschwung bringen, ohne den weder die bestehenden Demokratien der Region überleben noch die revolutionären Bewegungen gestoppt werden können. Eine Antwort auf die heutigen Nöte hat Reagan nicht gegeben. Im einzelnen schlägt der Präsident vor:

  • Im Haushaltsjahr 1982 sollen zusätzliche 350 Millionen Dollar für Soforthilfe bereitgestellt werden. El Salvador würde 100 Millionen, das vor dem Bankrott stehende Costa Rica eine ähnlich hohe Summe erhalten; Jamaika einen „beträchtlichen Anteil“. Die zehn karibischen Staaten müßten sich den Rest teilen, wobei Reagan ausdrücklich Kuba, die Karibikinsel Grenada und Nicaragua ausschließt.
  • Für zwölf Jahre sollen (ausgenommen Textilien) die amerikanischen Einfuhrzölle – auf karibisch-mittelamerikanische Produkte ganz entfallen – derzeit gelangen erst 87 Prozent dieser Exporte zollfrei in die Vereinigten Staaten.
  • Steuerliche Erleichterungen und Anreize sollen amerikanische Firmen zu Investitionen in Zentralamerika und der Karibik veranlassen; angeboten werden ferner technische Hilfe, Ausbildungsförderung und bilaterale Investitionsabkommen.
  • Die amerikanische Waffenhilfe wird um 60 Millionen Dollar erhöht, in erster Linie für El Salvador (15 Millionen), das schon in diesem Jahr aus einem Notprogramm zusätzlich Waffen und Material im Werte von 55 Millionen Dollar bekommt.

Reagan ließ keinen Zweifel daran, wen er für die Unruhe in der Region verantwortlich macht, nämlich Kuba („mit aktiver Assistenz der Sowjetunion“) und Nicaragua. Beide Staaten schürten lokale Unruhen und förderten durch Waffenlieferungen an die Guerilla den Bürgerkrieg in El Salvador. Washington könne und wolle nicht hinnehmen, daß seine vitalen Interessen am Panamakanal und im Golf von Mexiko gefährdet werden. Was immer „sinnvoll und nötig“ sei, „den Frieden und die Sicherheit der karibischen Region zu sichern“, werde Washington tun.

Mit keinem Wort ging Reagan auf den Vorschlag des mexikanischen Präsidenten Lopez Portillo ein, die Spannungen in der Region durch Verhandlungen zu lösen. Der Mexikaner hatte drei Tage früher gesprochen, in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua, und den Text seiner Rede 48 Stunden zuvor nach Washington übermittelt. Das Kernstück seiner Vorschläge: in El Salvador Gespräche zwischen der Regierungsjunta und der Opposition; eine politische Lösung der Konflikte zwischen Washington und Havanna und zwischen Washington und Managua; in allen drei Fällen bot Lopez Portillo seine Vermittlungsdienste an. Ebenfalls am Sonntag schob Managua ein „Friedensprogramm“ nach: Blockfreiheit nach außen, politischer Pluralismus nach innen und Wahlen bis 1985; Nichtangriffspakte mit den Nachbarländern Honduras und Costa Rica, „freundschaftliche Beziehungen“ zu den Vereinigten Staaten und Gespräche „über alle strittigen Fragen“.

Seit Reagan dieses „Doppelpaket“ stillschweigend überging, ist deutlich, daß es zwei unvereinbare Modelle des Krisenmanagements in Zentralamerika gibt. Washington entzieht sich der Anerkennung des Status quo und beharrt darauf, die entscheidende Auseinandersetzung in El Salvador zu führen. Dort will er die „Verantwortlichen“ für die revolutionären Unruhen entweder bestrafen (Nicaragua) oder eindämmen (Kuba). An eine direkte militärische Intervention ist nicht gedacht. Ausgeschlossen wird sie freilich nicht; und damit diese – ohnehin allen Mittelamerikanern stets gegenwärtige – Möglichkeit nicht in Vergessenheit gerät, kreuzt ein US-Zerstörer vor der salvadorianischen Küste, während das US-Oberkommando Flottenmanöver in der Karibik ankündigt – einschließlich Landungsübungen der Marines.

Das Konzept enthält jedoch Risiken. Bis jetzt haben die Mitglieder der OAS gegenüber Kuba, Nicaragua und El Salvador keine einheitliche Haltung eingenommen. Fidel Castro, mit innenpolitischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfend, hat viel von seinem Schrecken verloren. Zwar wird er noch gern als Buhmann benutzt, um die „Doktrin der nationalen Sicherheit“ zu untermauern, aber die meisten Regierungen Lateinamerikas betrachten die „kubanische Gefahr“ einigermaßen gelassen. An Nicaragua scheiden sich die Geister schon eher. Die wenigen Demokratien beobachten die Sandinisten voller Sorge, weil sie den vor der Vertreibung Somozas versprochenen politischen Pluralismus immer stärker beschneiden – ein „zweites Kuba“ aber ist Nicaragua noch lange nicht. Die bürgerliche Opposition hat, in seltener Einmütigkeit mit der sandinistischen Regierung, gegen Reagans Strafurteil und Ausschluß von der Weltwirtschaftshilfe protestiert. Umstritten ist die Haltung der OAS zu El Salvador. So scheint Argentinien bereit, die Lesart vom kommunistischen Umsturzversuch zu unterstützen und deswegen der Junta zu helfen. Mexiko hingegen setzt auf Verhandlungen zwischen der Junta und der politischen Führung der Guerilla, um den Bürgerkrieg zu beenden.