Von Hans Schueler

Mit großer, krakeliger Handschrift hatte der „Reichsführer SS“, Heinrich Himmler, eine Notiz über die Besprechung mit dem „Führer“ Adolf Hitler in dessen ostpreußischem Hauptquartier „Wolfsschanze“ am 14. August 1944 angefertigt. Sie umfaßt zwölf Punkte. Erledigtes wurde gleich abgehakt – so die dem „Führer“ vorgelegten Ergebenheitsadressen einiger Wehrmachtsgeneräle. Das Attentat des Grafen Stauffenberg lag ja erst gut drei Wochen zurück; wer der Mit Verschwörung verdächtigt werden konnte, mußte vorbeugen. Von Generalfeldmarschall Erwin Rommel (Punkt 5) gab es keinen Brief; sein Name war dennoch abgehakt. Wenig später wurde er zum Selbstmord gezwungen.

Bei Punkt 12 der Liste („Thälmann“) steht ein Zusatz: „ist zu exekutieren“. Dahinter ein Kringel. Drei Tage danach wurde Ernst Thälmann ermordet. Mit dem Bombenanschlag auf Hitler vom 20. Juli 1944 hatte er nichts zu tun. Er war eines unter Millionen Opfern des NS-Regimes, aber eines, dem ein besonderer Tod vorbehalten blieb, auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers, notifiziert auf einer Liste mit dem „Wüstenfuchs“.

In der Nacht vom 17. auf den 18. August war Ernst Thälmann mit einer schweren Limousine in Begleitung von drei Gestapo-Leuten vom Zuchthaus Bautzen – heute die meistberüchtigte Strafanstalt der DDR für politische Häftlinge – in das nahe gelegene Konzentrationslager Buchenwald gebracht worden. Dort war der Verbrennungsofen schon vorgeheizt. Als Thälmann die Tür zum Vorraum des Krematoriums durchschritt ten hatte, trafen ihn drei Schüsse in den Rücken. Offenbar töteten sie ihn nicht sofort. Minuten später fiel noch ein vierter Schuß. Die Leiche wurde sofort verbrannt.

Am nächsten Morgen fand ein mit dem Säubern des Ofens beauftragter Häftling eine ausgeglühte Taschenuhr. Er schloß daraus und aus der dunklen Farbe der Asche, daß der Ermordete nicht, wie üblich, nackt, sondern in voller Bekleidung verbrannt worden war. Das Regime ließ später verlautbaren, der Kommunistenführer Ernst Thälmann sei bei einem Angriff alliierter Bomber ums Leben gekommen.

Seine Witwe und seine Tochter, die bis dahin auf freiem Fuß gelebt hatten, wurden im September 1944 in das Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. Auf dem Einlieferungsschein stand der Vermerk: „Rückkehr nicht erwünscht“. Beide Frauen überstanden dennoch das Kriegsende. Die Witwe und – nach deren Tod 1962 – die Tochter haben bis heute vergeblich versucht, die überlebenden Mittäter an der Ermordung Ernst Thälmanns gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen.

Das Opfer hatte offenbar bis zu seinem Erschießungstod Vorzugsbehandlung genossen. Der Zeuge der Hinrichtungsszene, ein polnischer KZ-Häftling namens Marian Zgoda, schildert Thälmann als einen „großen, breitschultrigen Mann“. So sah im Spätsommer 1944 kein KZ-Insasse mehr aus, mochte er auch ehedem groß und stark gewesen sein. Die Gefangenen in Auschwitz, Buchenwald, Solibor und Treblinka glichen längst Gespenstern.