Von Helmut Schödel

Es gab eine Zeit, Ende der sechziger Jahre, als Wolken von Zigarettenqualm, besonders der Marken Roth Händle und Gauloises, den "Zauberberg" verhüllten. Der Rauch drang aus den Seminarräumen einer "kritischen Germanistik" und wurde von Studenten verursacht, die sich damals mit Brechts und Musils Vorbehalten gegen den "Großschriftsteller" Thomas Mann identifizierten. Wenn sie von Mann redeten, meinten sie Heinrich. Seinem Bruder wollten sie die nationalkonservativen Kriegsschriften aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und sein Schweigen nach 1933 nicht verzeihen.

Damals, als angehender Literaturstudent, las ich zum erstenmal voll Begeisterung im "Zauberberg", ohne von den Gefahren dieser Lektüre zu wissen: Die Nähe des Stoffes zur Sage vom Hörselberg, wo sich Tannhäuser verlor, und die Verwandtschaft des jungen Ingenieurs Hans Castorp mit dem Gralssucher Parzival. Castorp, der Anfang dieses Jahrhunderts von seiner Heimatstadt Hamburg nach Davos-Platz im Graubündischen reiste, kam "auf Besuch für drei Wochen" und blieb sieben Jahre. Auch ich blieb bei Hans Castorp bis zum Schluß. Schon während seiner Ankunft konnten mir die starken Raucher in den Seminaren den "Zauberberg" nicht mehr vernebeln. Zum Gral und zum Hörselberg gehört der Teufel wie der Schatten zum Licht. Ich war damals versucht, in ihm Thomas Mann zu vermuten.

Ankunft auf dem Zauberberg (I): Die Lektüre fing ganz harmlos an. Eine gründliche, fast sachliche Beschreibung der Ankunft in Dr. Behrens’ Lungensanatorium "Berghof", eintausendsechshundert Meter hoch über dem Flachland, von wo Castorp kam. Aber die Sätze, die diesen Aufstieg beschrieben, wurden bald von anderen Sätzen dementiert, die den Kurort aus der Höhenluft hinunterzogen in die Welt der Schatten. Das Sanatorium ist bei Castorps Ankunft voll Prophezeiungen, die er nur noch zu erfüllen hat. "Sie wären ein besserer Patient als der da", orakelt Dr. Behrens während einer Untersuchung. Schon als er sein erstes Frühstück im "Berghof" einnimmt, erfährt Castorp vom Schicksal eines anderen Besuchers, aus dem binnen kurzem ein Sterbefall geworden war. Fast wie in einem Schauerroman wird der Leser mit schrecklichen Details aus dem Anstaltsleben narkotisiert. Fast riecht man selber das Formalin in Castorps Zimmer, fühlt man sich selber gestört von den rasselnden Hustengeräuschen nebenan, bis man beim Lesen mitten unter den Gästen des "Berghofs" sitzt, wo die Zeit aufgehoben scheint und die Melancholie regiert. "Man ändert hier seine Begriffe", sagt Hans Castorps Vetter.

Im Flachland, wo jetzt die Verfilmung des "Zauberberg", in die Kinos kommt, ist Melancholie eine ungeliebte Vokabel. Auch in Geissendörfers Film kommt sie nicht vor, was keinen wundem muß bei diesen Patienten: Rod Steiger from Hollywood, Charles Aznavour von den Barclay Records. Beide kamen, weil Geissendörfer unter dem "Zauberberg" eine Goldmine entdeckt hatte: ein Zwanzig-Millionen-Budget für seine Produktion. Aber weil die Zeit nicht nur für Thomas Mann, sondern auch für die Verleihfirma United Artists ein Problem ist, begrenzte sie die Spieldauer des Films im Kino auf zweieinhalb Stunden. Der S. Fischer Verlag erinnert nun mit Recht mit einer "Sonderausgabe zum Film" daran, daß der "Zauberberg" 871 Seiten lang ist, und daß dort oben die Zeit stillsteht, während bei United Artists und Geissendörfers viertausendfünfhundert Komparsen rush hour herrschte. Warum stürmten so viele Komparsen den Zauberberg?

Es kam eine Zeit, Mitte der siebziger Jahre – die Nichtraucher waren schon auf dem Vormarsch, Roth Händle und Gauloises verpönt als eine neue Sehnsucht nach Thomas Mann entstand. Schon 1975 hat sie Günter Kunert prophezeit: "Fragt man sich nach der gegenwärtigen Aktualität Thomas Manns, so glaube ich, daß ihm eine Renaissance bevorsteht. Der globalen Nostalgie, ... in welcher sich der verspätete Abschied vom 19. Jahrhundert ausdrückt und zugleich die Angst vor einer Zukunft, die doch längst begonnen hat... – diesem fatalen Heimweh ins Niegewesene kommt das Werk Thomas Manns gleichermaßen entgegen."

Ankunft auf dem Zauberberg (II): Ein junger Mann steht bei Sonnenuntergang am Meer (Abschied von Hamburg). Ein Zug fährt auf einen Berg (Zauberberg). Ein junger Man steigt aus dem Zug (Ankunft). Ein Leichenwagen fährt an einem jungen Mann vorbei, aus den Zimmern des Sanatoriums dringt Sterbegeschrei (das Milieu). In den nächsten Minuten folgen die ersten drei Wochen von Hans Castorps Aufenthalt (219 Seiten im Buch). Thomas Manns Roman ist eine Mischung aus Geschichten und Essays. Die Essays liegen unterm Schneidetisch, die Geschichten sind aufs Anekdotische reduziert. Jedes Literaturlexikon weiß mehr vom "Zauberberg" als dieser Film.