Auf Seite 1 der ZEIT vom 26. 2. 1982 („Was ist zumutbar? – Neue Rezepte gegen die Arbeitslosigkeit“ von Dieter Piel) fand ich bestätigt, was mich schon in den Fernsehnachrichten kurz zuvor verblüfft hatte: Arbeitslosen soll eine Tätigkeit unter ihrem Ausbildungsniveau zugemutet werden, was etwa heißt, daß von einem Uni-Absolventen erwartet werden kann, in einem Beruf zu arbeiten, der lediglich Fachhochschul-Abschluß voraussetzt. Dieses Treppchen abwärts führt bis zum Facharbeiter, dem eine Hilfsarbeiterfunktion zuzumuten ist.

So weit, so gut. Doch das Problem der Arbeitslosigkeit wird damit keineswegs gemildert, sondern allenfalls verlagert – höher Qualifizierte drücken den Wert, verdrängen Anwärter auf diese Positionen in die darunter, aus denen wiederum Anspruchsberechtigte verdrängt werden, die ihrerseits verdrängen, verdrängen, verdrängen – die letzten beißen die Hunde. Arbeitslosigkeit und soziale Zugehörigkeit werden identisch, die Sachbearbeiter haben es künftig mit einer relativ homogenen Gruppe zu tun, mit Schulabgängern ohne Abschluß, Ausländern, Frauen, die in einen Beruf zurück wollen ...

Den Grund für meine Verwunderung möchte ich geneigten Lesern nicht vorenthalten; sondern ihnen eine persönliche Geschichte erzählen, die so subjektiv womöglich gar nicht ist:

Auf der Suche nach einer Arbeitsmöglichkeit in einem zugegebenermaßen geographisch begrenzten Raum wandte ich mich an das zuständge Arbeitsamt. Der Sachbearbeiterin erklärte ich, daß ich aus familiären Gründen bereit sei, beruflich zurückzustecken. So fragte ich nach einer Tätigkeit in einer öffentlichen Bücherei, wofür ich mich als Diplompädagogin (universitärer Abschluß) mit dem Hauptfach Philosophie sowie einschlägiger praktischer Erfahrung als durchaus geeignet einschätzte, finanzielle Einbußen und ein niedrigerer sozialer Status seien dabei für mich von untergeordneter Bedeutung.

Die Antwort der Dame vom Amt machte mich sprachlos, mußte ich doch vernehmen, daß zumindest im öffentlichen Dienst Verordnungen bestünden, die eine Beschäftigung Höherqualifizierter ausschließen, selbst bei erklärter Bereitschaft der Betroffenen zu Verzicht. Außerdem solle ich bitte bedenken, daß ich damit anderen Leuten den Arbeitsplatz wegnähme, des weiteren sei ich sicher nicht zufrieden mit einer Stellung, die meinen Fähigkeiten nicht entspräche.

Ziemlich zerknirscht schlich ich mich von dannen und machte mir heftige Vorwürfe wegen meines Egoismus, irgendeine Arbeit annehmen Zu wollen, um meinen Lebensunterhalt ohne staatliche Hilfen zu sichern, ohne dabei an andere Stellensuchende gedacht zu haben – das war wirklich ein sehr unsoziales Unterfangen von mir!

Solchermaßen belehrt, habe ich also meine Immatrikulation um ein weiteres Semester verlängert, denn jobben als Studentin darf ich durchaus unter Niveau, und es macht mir sogar Spaß; vielleicht werde ich mangels beruflicher Chancen eines Tages gar promovieren, der Statistik des Herrn Stingl würde das sicher guttun, doch was wird dann aus mir, wenn ich schon als Diplompädagogin überqualifiziert bin? Zudem erinnere ich mich vage an die Forderung, daß ich als Bildungsprivilegierte ja der für mich Steuern zahlenden Gesellschaft meine Talente zugute kommen lassen müsse. Nun, an meiner privaten Ethik liegt es nicht, wenn die verehrten Mitbürger auf meine Qualitäten verzichten müssen.