Von Ulrich Schmidt

Sie heißen Torunn, Mette, Siw und Ellen. Eine lustige Clique kleiner Mädchen auf Klassenreise. Irgendwo sind sie zugestiegen. Nun streifen sie treppauf und -ab über die Decks der „Nordstjernen“, schwatzen auf englisch mit den deutschen Touristen, lassen sich von ihnen Autogramme geben, posieren zusammen mit ihnen an der Reling fürs Erinnerungsfoto mit dem Gebirge als Hintergrund.

Der Blick ist gut gewählt. Der Lotse auf der Brücke bugsiert das Schiff gerade durch den extrem schmalen Raftsund hindurch, am Trollfjord vorbei. Eine verrückte Landschaft. Verschneite Buckelfelsen, die Dolomiten im Kleinformat, aber erdrückend nah, gespenstisch aufragend aus dem mit Eisschollen garnierten Nordmeerwasser. Da fehlen bloß noch die strupphaarigen, knollnasigen Trolle. Im nächsten Hafen wird man sie im Krämerladen als Scherzpostkarten kaufen können.

Die Jonglierfahrt durch den Raftsund ist einer der Höhepunkte auf der Elf-Tage-Reise der „Hurtigruten“. So nennt sich der Postdampferdienst zwischen Bergen und Kirkenes an der norwegischen Küste entlang, mit 35 Anlaufhäfen auf einer Strecke von 2300 Kilometern. Ein Dutzend Kombischiffe in der Größenordnung um 2400 Bruttoregistertonnen ist auf dieser Strecke das ganze Jahr über unterwegs. Zumal im Winter, wenn die Bergstraßen zugeschneit sind, bilden diese Schiffe für eine halbe Million Küstenbewohner – und das ist ein Achtel der norwegischen Bevölkerung – oft die einzige Reisemöglichkeit und den einzigen Versorgungsweg.

Verkehrstechnisch gesehen, ist die Hurtig-Route ein Wahnsinnsgebilde, zu begreifen nur als Folge einer geradezu abenteuerlichen Staatsgeographie. Norwegen ist von Trondheim bis hinauf zum Nordkap nichts weiter als ein hundert Kilometer breiter, wild zerklüfteter, unfruchtbarer, allenfalls für die Ansiedlung von Bergziegen geeigneter Streifen Felsenküste.

Weil aber außer den Norwegern auch noch so manche Bewohner südlicherer Zonen in eben jene Felsenküste vernarrt sind, hat sich das Mitfahren auf den Postschiffen allmählich zu einer erstklassigen Touristenattraktion entwickelt. „Einmal ganz Norwegen rauf und runter – das ist schon eine Wucht!“ schwärmt der Diplomingenieur aus Essen, und seine Frau ergänzt: „Wir reisen gern einfach, wir mögen das nicht, dieses Umkleidetheater auf den Musikdampfern, wir wollen ausspannen und was sehen von der Welt, und da ist so ein Schiff und so eine Tour genau das richtige für uns.“

Die beiden wollten die Hurtig-Tour Bergen–Kirkenes–Bergen eigentlich schon im Sommer machen. Doch daraus wurde nichts, weil alle Fahrten der Monate Mai bis September immer schon über ein Jahr im voraus ausgebucht sind. So sind sie im Winter gefahren. Das ist erstens mit 1040 Mark nur halb so teuer wie die Sommertour, und zweitens hat es seine besonderen Reize. „Auf der Hinfahrt hatten wir ab Tromsö nach Norden hinauf das Schiff fast ganz für uns allein. Und dann das Wetter! Tagsüber strahlender Sonnenschein, und nachts leuchtete das Polarlicht