Von Dietrich Strothmann

Jerusalem, im März

Die „Wiedervorlage“ der haltlosen Vorwürfe des israelischen Ministerpräsidenten gegenüber dem deutschen Bundeskanzler beschäftigte die Israelis nur einen kurzen Augenblick. Dann drängten sich ihnen schon andere, weitaus größere Sorgen auf.

Noch einmal, wie schon letztes Jahr, hatte sich Menachem Begin abfällig über Helmut Schmidt geäußert – damals nach dem Besuch des Kanzlers in Saudi-Arabien, wo er für das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser eingetreten war; jetzt auf Grund eines ominösen Berichtes in der israelischen Mittagszeitung Jediot Acharonot aus Paris, wonach der Kanzler angeblich geäußert hatte, solange Begin Regierungschef sei, werde er nicht nach Jerusalem kommen. Schon damals mußte sich der schnell aufgebrachte, voreilig attackierende Israeli korrigieren. Auch diesmal war er gezwungen, sich nach dem prompten Dementi aus Bonn von israelischen Kommentatoren vorhalten zu lassen, er habe wieder allzu leichtfertig aus der Hüfte geschossen. Der sonst so vollendet höfliche, geradezu galante Menachem Begin verliert leicht seine diplomatische Contenance, sobald es sich um Deutsche und Deutsches handelt.

In dieser Woche wird Begins nicht besonders ausgeprägtes diplomatisches Geschick bei einer anderen Gelegenheit auf die Probe gestellt: beim ersten Staatsbesuch eines französischen Präsidenten in Israel seit Gründung des Staates vor bald 34 Jahren. Für François Mitterrand und seine Entourage wird aufgeboten, was die israelischen Zeremonienmeister nur aufbieten können: Fahnen und Fanfaren, Gala-Essen und Gala-Garde (diesmal sogar als Neuheit eine Kompanie weiblicher Soldaten). Auch wird sich der in solchen Krisenzeiten hochwillkommene Staatsgast und „persönliche Freund“ Begins alle protokollarische Mühe geben, damit kein Mißklang nach den mißverständlichen pro-palästinensischen Äußerungen seines sich stets widersprechenden Außenministers Cheysson aufkommt.

Glück wird der Franzose dem Israeli dennoch nicht bringen können, nicht einmal Erleichterung, kaum eine knappe Atempause auf dem langen, steinigen und stolperigen Weg, der vor ihm liegt. Denn dem „Commandeur“, wie ihn noch heute seine alten Mitstreiter ehrerbietig aus den längst vergangenen Tagen des Untergrundkampfes gegen die britischen Mandatstruppen anreden, den „König Israels“, wie ihn seine Parteigänger noch während des letzten Wahlkampfes enthusiastisch feierten – diesen Menachem Begin gibt es nicht mehr. Von tatsächlichen oder eingebildeten Widersachern umstellt, von wirklichen oder eingeredeten Sorgen geplagt, von alten oder neuen Freunden verlassen oder auch nur in die Enge getrieben, kämpft er in diesen Tagen geradezu einen verzweifelten Kampf um die „Ideale“ seines politischen Glaubens, um die „Früchte“ seiner Regierungsmacht.

Nach einem komplizierten Beinbruch vor zwei Monaten ist Menachem Begin noch immer an den Rollstuhl gefesselt – fast ein Symbol seiner gebremsten Handlungsfähigkeit, seiner nun begrenzten Aktivitäten, die einmal – in seiner Zeit als rücksichtsloser Partisan, als schonungsloser Oppositionsführer und zuletzt noch als rastloser Friedensunterhändler – sein Markenzeichen waren: Menachem Begin, der „König“, ist zum „Knecht“ geworden.