Vor der WM: Erst ein Überangebot, jetzt plötzlich Lücken im Team

Von Gerhard Seehase

So wörtlich wollte Jupp Derwall seinen Ausspruch: "Die Tür zur Nationalmannschaft steht noch für jeden offen" gar nicht interpretiert haben. Vielleicht, daß man noch einige kleine Korrekturen an der Physiognomie einer Mannschaft hätte vornehmen können, die ansonsten kaum schwache Stellen erkennen ließ. Aber dabei handelte es sich doch wohl nur um den sogenannten "erweiterten Kreis", in dem die Hoffnung auf einen Stammplatz ohnehin recht schwach zu sein pflegt.

Die Probleme für Bundestrainer Jupp Derwall bestanden nach dem Gewinn der Europameisterschaft von Rom 1980 tatsächlich darin, daß er für bestimmte Posten eher einige überragende Spieler zuviel als zuwenig hatte. Das galt besonders für das "Mittelfeld", in dem das Überangebot an Prominenz unter den Breitner, Schuster, Magath und Müller bereits zu erheblichen Spannungen geführt hatte.

Diese Situation hat sich grundlegend geändert. Würde die Fußball-Weltmeisterschaft in Spanien nicht erst in knapp vier Monaten, sondern schon in vier Wochen beginnen, bekäme Jupp Derwall kaum noch ein überragendes Mittelfeld zusammen.

Der HSV-Regisseur Felix Magath fällt nach seiner Knieoperation für etwa acht Wochen (vielleicht sogar für die WM) aus. Der in spanischen Diensten stehende Kölner Bernd Schuster (FC Barcelona) kann nach seiner Knieoperation vorläufig kein Spiel bestreiten. Und der Stuttgarter Hansi Müller, der in der kommenden Saison mehr Geld im italienischen Fußball verdienen will, machte nach seiner langen Verletzungspause gerade eben seine ersten Gehversuche im Fußball-Alltag.

Bleibt zur Zeit also nur der Münchner Paul Breitner aus der illustren Clique der "Regisseure"; und just er wirkte im Test der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal (3:1) offensichtlich besonders überfordert als Mittelfeldspieler. Und sofort wurde der Ruf nach einem Gleichberechtigten neben Breitner laut wie Donnerhall.